Blättchen
DEZ 20151FEB12016
Hallo,
das Autonome Blättchen ist haarscharf am Tode
vorbeigeschrappt und liegt mit schweren Verletzungen
auf der Intensivstation. Trotz der vielen frischen Blu¬
men auf dem Nachttischchen gibt es wenig Grund,
eine schnelle Genesung anzunehmen. Die Ärzt_innen
wagen keine Prognose. Es kann eine lange Phase der
Genesung beginnen — aber es ist auch mit dem plötz¬
lichen Ableben zu rechnen. Dass du‘s weißt!
Na ja, die gute alte 23! Von wegen Verschwörungs¬
theorie! Wer weiß, wofür die noch alles verantwort¬
lich ist. Sicher nicht für die guten Aktionen, die in
diesem Heft dokumentiert werden. Mal sehen, was sich
mit der Quersumme anstellen lässt...
Diese Ausgabe kommt zwar (ihr wisst, wegen Krank¬
heit) sehr spät, aber sie enthält interessante Berichte,
Analysen, Einschätzungen und Aufrufe.
Da wir facebook schon lang aus tiefstem Herzen has¬
sen, freuen wir uns besonders über die Aktion gegen
das Gesichtsbuch in Hamburg. Nichts von gehört? Lest.
Impressum:
Nr. 23 - Dezember/Januar/Februar 2015/16
Kontakt für Kritik und eigene Artikel:
E-Mail:
aufonomes-blaeftchen@riseup.net
PGP-Key auf Anfrage und auf der Homepage
Fingerprint:
2 188 A430 857F 1DCE E089
B218 D4C7 AOF3 17BA D725
Post:
Erna Stark
Klaus-Müller-Kilian-Weg 1
30167 Hannover
Homepage:
autonomesblaettchen.noblogs.org
Alle Ausgaben gibts auch online. Außerdem könnt ihr
uns Texte etc., anonym und ohne Angabe einer e-
Mail-Adresse, über die Kommentarfunktion unser
Homepage schicken. Wie das funktioniert wird dort
erklärt.
Einsendeschluss:
normalerweise alle drei Monate:
1. März; 1. Juni; 1. September; 1. Dezember
ViSdP:
Uwe Binias, Waterloostr. 9, Hannover
Menschen griffen auch AfD und CDU an. Lest selber.
Andere rufen zu allerlei Aktionen auf und wundern
sich, dass so wenig passiert, wo die Verhältnisse so
beschissen sind. Letzteres tun wir auch.
Der Ausnahmezustand in Frankreich ist ohne nen¬
nenswerten Widerstand durchgesetzt worden. Schon
haben sich die Menschen dran gewöhnt. An Durchsu¬
chungen, Hausarreste, Festnahmen. An das Demover¬
bot halten sich nicht alle. Dazu ein Bericht von den
Protesten zum Klimagipfel.
Mit dem schwer erträglichen Gerede nach den uner¬
träglichen Anschlägen von Paris beschäftigen sich ein
paar Texte aus Frankreich und Deutschland. Aber lest
selbst.
Danke für den Reisebericht von den Schlupflöchern an
den Grenzen! Es ist gut, wenn über die Situation be¬
richtet wird. Denn mittlerweile ist es ja so, dass Medien
und unliebsame Beobachter_innen beiseite geschafft
werden, wenn Flüchtende von Militärs und Bullen miss¬
handelt werden. Lest, Greift ein, öffnet die Grenzen!
Schickt weiter fleißig Texte oder schickt uns Mails
oder „Kommentare“ über die Internetpräsenz. Da geht
das anonym. Geld lässt sich so nicht transferieren.
Das müsst ihr immer noch gut verpackt im Brief schi¬
cken oder bei unserer Postadresse in den Briefkasten
schmeißen. Denn das kranke Blättchen braucht zwar
Medizin in Form von Texten — ohne genügend Geld
würde es jedoch aus dem Krankenhaus geschmissen
und verreckte elendig auf der Straße. Im Zweifelsfall
bevorzugen wir einen langen Kuraufenthalt oder die
Palliativstation. Zu viele biologistische Vergleiche? Na,
dann manchen wir jetzt mal Schluss mit diesem Vor¬
wort.
Der Einsendeschluss der nächsten Ausgabe wird der
1. März sein! Der sehr regelmäßige Rhythmus ist halt
etwas durcheinander. Rythmusstörungen! Ach herrjeh!
Gruß, eure Redaktion
P.S.: schickt uns Texte - aber bitte keine Links. So was
nerviges...
Inhalt
04:
Sonderzug zur Klimakonferenz blockiert
nach den Anschlägen in Paris:
04:
Nachtrag zum Kabelbrand
22:
Kundgebung in Solidarität mit den Opfern
des islamistischen Terrors
05:
Baumbesetzung in der JVA Köln
22:
Weder ihren Krieg noch ihren Frieden
06:
Knast ist keine Lösung, sondern Teil des
Problems
24:
Unsere schönen tollen Gesellschaften
07:
Buchbesprechung: Die Anti-Atom-Bewegung
25:
Charlie Hebdo 2.0
08:
CDU mit Farbe angegriffen
28:
Bericht von den Ingewahrsamnamen beim
Klimagipfel in Paris
09:
AfD-Büro angegriffen
09:
Festung Europa sabotieren -
wir schaffen das
32:
Stadtteilkampf, soziale Organisierung,
revolutionäres Bewusstsein - ein Gespräch
12:
Absage an jegliches Hegemoniebestreben
innerhalb des Widerstands
36:
Wut. Brüche - über feministische Wut
15:
Überall Grenzen. Eine Reise zu den
40:
Kaufen gegen den Kapitalismus!?
Sackgassen und Schlupflöchern Europas
45:
Weg mit dem PKK-Verbot - ein Aufruf
17:
Lass dich nicht verarschen.
Über das Internet der Dinge
46:
Beendet die Belagerung von Silvan!
18:
Facebook Detschlandzentrale in
47:
Prozessankündigung aus Hannover
Hamburg „gehackt“
21: Das „Netz“ begreifen - in aller Kürze
Eigentumsvorbehalt:
Diese Zeitung bleibt solange Eigentum der Absen
der_in, bis sie der_dem Gefangenen persönlich
ausgehändigt wurde. „Zur Habe Nähme“ ist keine
Aushändigung im Sinne des Vorbehalts. Wird ein
Teil der Zeitung der_dem Gefangenen nicht per-
sönlichausgehändigt, ist dieser und nur dieser unter
Angabe der Gründe für die Nichtaushändigung
der_dem Absender_in zurückzusenden. Der Rest ist
der_dem Gefangenen persönlich auszuhändigen.
Info zu unserer Sprachpolitik:
In diesem Heft finden sich verschiedene Beiträge mit verschiedenen Sprachpraxen. Einige nutzen Sterne oder
Unterstriche als Darstellungsraum für jene, die sich beispielsweise jenseits von Leser und Leserin definieren
oder sich in beidem wiederfinden. Wir finden das richtig und verwenden diese Schreibweise dementspre¬
chend in unseren Beiträgen. Wir würden uns wünschen, dass diese Praxis beibehalten wird. Das gilt auch
für Übersetzungen, auch wenn wir wissen, dass das nicht immer ganz einfach ist. Drucken wir jedoch externe
Beiträge ab, ändern wir die Schreibweise nicht eigenhändig. Einerseits kennen wir die Beweggründe der
Autor_innen nicht und andererseits denken wir, dass die Sprachpraxis auch immer etwas über die Schrei¬
benden und ihre Politik aussagt. Die Bewertung dieses Umstands liegt dann bei euch.
Sonderzug zur Klimakonferenz
in Paris blockiert!
Block the Train to Paris -
Der Klimagipfel ist Teil des Problems!
Am 28. November reisen auf Einladung der Bahn ge¬
ladene Delegierte, unter anderem die BRD-“Umwelt-
ministerin“, mit einem Sonderzug nach Paris, um dort
am Klimagipfel teilzunehmen.
Wir haben den Zug in Frankfurt abgefangen
und seine Weiterfahrt blockiert!
Die „umweltfreundliche“ Anreise, beworben durch die
Deutsche Bahn, und medienwirksam benutzt durch hun¬
derte Politikerinnen und Wirtschaftsvertreter_innen,
ist Teil eines Spektakels. Ein Spektakel, mit dem uns
seit Jahrzehnten Klimaschutzbemühungen vorgegaukelt
werden. Nach außen wird behauptet, nach Hochdruck
an der Rettung des Weltklimas zu arbeiten.
Doch das ist eine Ablenkung! Für uns ist die Klimafra¬
ge untrennbar mit der Systemfrage verbunden. Wir
leben in einem Wirtschaftssystem, dass ohne stän¬
digen Profit und immer mehr Wachstum nicht existieren
kann (und trotzdem periodisch in Krisen verfällt). Wir
werden beherrscht von einem Staat, der vor allem das
Eigentumsrecht derer schützt, die uns und die Ressour¬
cen dieses Planeten ausbeuten wollen.
Solange das so bleibt, werden wir immer auf einen
gesellschaftlichen Kollaps zusteuern - die globale
Erwärmung ist nur ein Ausdruck davon!
Staat und Wirtschaft können aus ihrer systembe¬
dingten Interessenlage heraus keine effektiven Ma߬
nahmen für den Klimaschutz ergreifen. Deshalb kann
nur unser eigenes, direktes Handeln die globale
Erwärmung aufhalten!
Diejenigen, die in Paris verhandeln, sind zu einem
großen Teil mitverantwortlich für die globale Er¬
wärmung — weil sie gesellschaftliche Macht in ihren
Händen halten, mit der diese Situation erst erzeugt
wurde. Sie sind ALLEIN verantwortlich für die Repressi¬
on, die KlimaaktivisMnnen weltweit entgegen schlägt.
In Paris wurden sämtliche Demos gegen den Klimagip¬
fel verboten. Im rheinischen Braunkohlerevier sitzen
3 Umweltaktivist_innen, die T(h)ree, wegen direkten
Aktionen in Untersuchungshaft.
Daraus folgt für uns: In Paris sitzen in den nächsten 2
Woche nicht die, die das Problem lösen — dort sitzen
die, die das Problem verursachen!
Wir unterbrechen hier in Frankfurt deshalb ihre An¬
reise, um das der Öffentlichkeit klar zu machen — und
auch ihnen selbst.
Das Blockieren dieses Zuges ist symbolisch — trotzdem
fanden wir es notwendig, dieses Zeichen gegen die
Selbstherrlichkeit der „Klimaunterhändler“ zu setzen.
Doch wir müssen direkt aktiv werden: Kohletagebaue
blockieren, Massentierhaltungsbetriebe abfackeln,
Baugeräte zerstören, den Kampf um das Weltklima
auf die Straße tragen, die Allmacht des Staates bre¬
chen.
Wir sehen uns auf der Straße,
auf den Schienen und in den Wäldern!
Free the T(h)ree! - Kapitalismus endlagern!
blockcop 21
Nachtrag zum Kabelbrand
am 14*09.15 bei Bremen (Dreye)
(Kein) Alarm in Bremen.
Wir nutzten die Nacht am Tag X gegen Urantrans¬
porte und sabotierten die Bahnstrecke Bremen-Osna¬
brück an der Weserbrücke. Der Kabelschacht brannte
und legte den Zugverkehr lahm.
Zur selben Zeit stand der Urantransport in Maschen
(HH) für mehrere Stunden. Anschließend änderte er
seine Richtung und fuhr nicht über Bremen sondern
Hannover. Ob wir mit unsere Aktion den Zeitplan und
die Route sabotierten können wir nicht mit Sicherheit
sagen, da weder Bullen noch Presse über den Kabel¬
brand berichteten. Lediglich in den Personenzügen
zwischen Bremen und Osnabrück gab es am Morgen
des 1 5.09.1 5 Durchsagen, dass die Verspätungen auf
„Vandalismus am Gleis“ zurück zu führen seien.
Die Taktik, militante Aktionen zu verschweigen, fahren
die Bullen in Bremen schon seit langem. Sowie die
anerkannten Protestformen „(Spontan)demos, Kundge¬
bungen, Mahnwachen“ verlassen werden und gezielt
Sachschaden verursacht wird, gibt es häufig keine
Pressemitteilungen oder ähnliches. In Presse und Radio
wird äußerst selten über militante Aktionen berichtet.
Wir sehen dies als Teil einer Befriedungsstrategie von
Stadt und Bullen. Die Angreifbarkeit von Institutionen,
Infrastruktur und Verantwortlichen soll unsichtbar ge¬
macht werden, indem über militante Aktionen öffent-
4
lieh geschwiegen wird. Nachahmung soll damit entge¬
gen gewirkt und das Bild einer friedlichen und zahmen
Protestkultur erzeugt werden.
Für uns kann dies nur bedeuten, für die öffentliche
Wahrnehmbarkeit militanter Aktionen selbst zu sorgen.
Mit eigenen Medien, vom Flugblatt über Webseiten
bis hin zu Zeitungen, können wir dafür sorgen dass
unsere Interventionen gesehen und diskutiert werden.
Auf bürgerliche Medien, die uns meist auf Spektaktel
und Klischees reduzieren, wollen wir uns ohnehin nicht
verlassen.
Schauen wir nach vorn. Der nächste Urantransport,
oder auch der nächste rassistische Großaufmarsch,
stehen bevor. Gerade das Bahnnetz ist durch seine
Komplexität und Vernetzung unglaublich angreifbar.
Ein Kabelbrand sorgt dafür, dass auf der betroffenen
Strecke alle Signale auf rot geschaltet werden
und solange keine Züge fahren, bis der Schaden
repariert wurde. Menschen kamen bisher, auch laut
Aussagen der Bahn, dadurch nicht in Gefahr.
Kabelschächte verlaufen entlang jeder Gleisanlage
und sind in der Regel mit Betonplatten abgedeckt.
Diese können mit einfachen Hebelwerkzeugen entfernt
werden. Um dem Feuer genug Sauerstoff zukommen
zu lassen ist es wichtig, dass der Kabelschacht auf
mehreren Metern frei gelegt wird. Beim Brandsatz an
sich können brennbare Flüssigkeiten und Grillanzünder
verwendet werden. Viel hilft viel. Genauere Anlei¬
tungen, auch zur zeitlichen Verzögerung des Zünders,
findet ihr beispielsweise in den autonomen Zeitungen
„Prisma“; und „Bau was!“.
Für eine autonome und militante Praxis!
Operation yellow cake
Baumbesetzung in der JVA Köln Ossendorf
Ich befinde mich derzeit in der JVA Köln Ossendorf,
weil ich wiederholt aktiv geworden bin im Kampf um
den Erhalt des Hambacher Forstes. Und weil ich mir
nicht mehr die Wahl meiner Mittel zum Verändern
dieses Systems vorschreiben lasse. Mithilfe von Wahl¬
en und Petitionen lassen sich höchstenfalls reformi¬
stische Ziele durchsetzten. Auch ich habe einige sol¬
cher Forderungen die zur sofortigen Verbesserung der
Lage der Gefangen führen sollen:
- tägliche Hofgang von mindestens zwei Stunden;
- die Erfüllung der Forderung der Gefangenenge¬
werkschaft (GG/BO); besonders im Bezug auf die
Einführung des Mindestlohns und einer Rentenversiche¬
rung für Gefangene und die Möglichkeit von veganer
Ernährung für Gefangene.
Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen habe
ich am 23. November während des Hofgangs einen
der sich dort befindlichen Bäume besetzt und ein
Transparent mit der Aufschrift „System Change not
Climate Change!“ aufgehängt. Die Aktion richtet sich
auch gegen den Klimagipfel der Politiker in Paris so¬
wie gegen das herrschende System — es hat sie hervor
und mich hinter Gitter gebracht. Von einem Treffen
der „politischen Spitze“ erwarten ich und viele Teile
der Bevölkerung schon lange keine Lösung mehr. Sie
werden weiterhin industriefreundliche, systemerhal¬
tende und massenbenachteiligende „Lösungen“
aushandeln.
Die Probleme sind zu groß um sie Politikerinnen und
Parteien zu überlassen! Es liegt an jeder einzelnen von
uns aktiv zu werden, den Wohlstand und die Privile¬
gien hier im „demokratischen“ Westen zu hinterfragen
und entsprechend zu handeln. Die Kohleverstromung
führt zur Vernichtung der letzten großen Waldgebiete
im Rheinland. Diese Kohleindustrie ist notwendig für
die Energieversorgung der Waffenfabriken, welche
mitverantwortlich sind für den Krieg, Not und Zerstö¬
rung weltweit. Des Weiteren treibt die Verbrennung
von Kohle den menschengemachten Klimawandel
weiter voran, Dürren, Überschwemmungen und immer
häufiger eintreffende Naturkatastrophen sind die Fol¬
gen — welche schon jetzt Millionen von Menschen dazu
zwingen, ihre Heimat zu verlassen.
Reaktionäre, „einfache“ Lösungen, wie sie AfD, Front
National, CDU/CSU und Pegida immer wieder propa¬
gieren „ die Grenzen hoch und alles ist gut“ sind viel
zu kurz gegriffen. Sie wollen den sogenannten „Volks¬
körper“ weiterhin in seiner privilegierten Situationen
bewahren — auf Kosten der restlichen Erdbevölkerung.
Das Massensterben von unzähligen Spezies hat schon
lange eingesetzt, doch diese Zivilisation baut darauf
auf, alles zu zerstören, um noch die letzten verwend¬
baren Ressourcen aus dem Boden oder Meer zu holen.
Der Profit steht über allem. Und wir alle werden in
ständiger Konkurrenz gehalten — als Individuen ge¬
gen unsere Kolleginnen, weltweit in Zwangsgemein¬
schaften als „Nation“ gegen andere „Nationen“.
Diese Konzepte gilt es aufzubrechen und gelebte Soli¬
darität entgegenzusetzen. Der Aufbau einer nachhal¬
tigen, sozialen Gesellschaft ist Aufgabe von uns allen
und beginnt im eigenen Kopf. Doch ist es fatal dort
stehen zu bleiben. Es gilt gemeinsam zerstörerische
Industrie zu stoppen, Benachteiligte dieses Systems
nach besten Möglichkeiten zu unterstützen und einen
Alltag zu etablieren, der auf Respekt, gegenseitiger
Hilfe und auf Selbstermächtigung baut. Mit dieser
Aktion möchte ich auch alle anderen revolutionären,
sozialen Gefangenen weltweit grüßen, ihnen Mut wün¬
schen und sie in ihren Kämpfen bestärken.
Solidarische Grüße aus der JVA Köln Ossendorf,
Felix Neuner
Knast ist keine Lösung,
sondern Teil des Problems!
Am 23. November um 15:00 Uhr haben wir die
Außenseite des Kölner Dom erklettert und ein
Transparent aufgehängt. Angesichts der derzei¬
tigen Repression und Gewalt gegen Umweltakti-
vist_innen aus dem Hambacher Forst, haben wir
uns dazu entschieden durch eine direkte Aktion
auf die derzeitige
Situation aufmerksam zu machen.
Drei unserer Freund_innen sitzen nun bereits seit
mehreren Wochen in Untersuchungshaft und der
Termin einer Verhandlung ist noch nicht abzuse¬
hen. Bei ihren Festnahmen wurden alle drei teilweise
schwer verletzt. Eine Platzwunde, ausgeschlagene
Zähne, ein Nasenbeinbruch, Kieferschmerzen und ein
gebrochene Handgelenk sind ein nicht hinnehmbarer
Zustand!
Wir sind wütend, weil sie verdroschen und festgenom¬
men und dann noch nicht einmal ausreichend medizi¬
nisch versorgt werden! Allerdings geht es uns hierbei
nicht nur darum, dass unsere Freund_innen, die sich
gegen unglaubliche, aber von Staat und Wirtschaft
gedeckte Verbrechen wehren, in den Knast kommen,
sondern darum, dass wir das Gefängnissystem als
solches verurteilen.
Gerade in den ach so demokratischen Ländern wird
nicht nur das Wegsperren von Menschen, sondern
auch psychische Folter in Form von völliger Isolation,
totaler Überwachung von jeglichem Kontakt zur Au¬
ßenwelt und anderen Zermürbungstaktiken häufig als
legitime „Strafe“ oder „Rehabilitationsmaßnahme“
angesehen. Als zum Beispiel unser Freund Jus im
Sommer inhaftiert war und 3 Wochen in Isolationshaft
verbrachte, wurde jede halbe Stunde das Licht ange¬
macht — rund um die Uhr.
Gefangene, die als politisch eingestuft werden oder
sich sonst wie nicht „angemessen“ verhalten, werden
mit Ausschluss von Aktivitäten bestraft, haben weniger
Möglichkeiten, werden vermehrt durchsucht und über¬
wacht. Und wenn dann staatliche Organe ihre Interes¬
sen gegen Menschen durchsetzen, die um Lebens- und
Freiräume außerhalb einer omnipräsenten, kapitali¬
stischen Verwertungslogik kämpfen, wird natürlich nur
die allgemeine Sicherheit gewährleistet?
Von wegen! Knäste sind ein weiteres Machtinstrument
in der Hand derer, die andere Menschen, Tiere und
diesen Planeten unterdrücken (und somit zerstören), um
ihre eigenen Interessen und Privilegien zu sichern.
Um es mit den Worten von einem der drei Gefange¬
nen zu sagen: „Was sie nicht draußen für ihre Zwecke
kontrollieren [können], muss beseitigt, umerzogen,
eingesperrt werden. Leben, das nicht in ihrem Sinne
wächst, muss geschnitten, gefällt, getötet werden. “
Wir fordern:
Freiheit für alle Gefangenen! Free the T(h)ree!
Schreibt den Gefangenen!
Zurzeit befinden sich drei Aktivisti der Hambacher
Forst Besetzung in Untersuchungshaft. Eine Person
seit Anfang Oktober. Gegen die Abholzung des
Hambacher Forstes durch RWE gibt es seit 201 2
immer wieder Wald- und Wiesenbesetzungen, um
sich der Braunkohlegewinnung und der damit ein¬
hergehenden Umweltzerstörung, Vertreibung und
Tötung menschlichen und nichtmenschlichen Lebens
direkt in den Weg zu stellen. Darüber hinaus set¬
zen sich die Menschen dort für ein freieres, eman-
zipatorisches, selbstorganisiertes Leben ein, und
versuchen erlernte Hierarchien und Ausgrenzungs¬
mechanismen in der Gesellschaft und im eigenem
Verhalten kritisch zu hinterfragen, aufzudecken und
zu bekämpfen.
Weitere Infos findet ihr auf:
hambacherforst.blogsport.de/in-haft
abcrhineland.blackblogs.org
Für die Freilassung aller Gefangenen!
Die Adressen:
Florian Wilschke
JVA Köln
Rochusstraße 350
50827 Köln
Marte
JVA Köln
Gefangenenbuchnr. 4640/1 5/0
Rochusstraße 350
50827 Köln
Mr. Blue
Gefangenenbuchnr. 1425/15/8
JVA Aachen
Krefelderstraße 251
52070 Aachen
6
Eine Buchbesprechung
Die Anti-Atom-Bewegung - Geschichte und Perspektiven Assoziation-A, Oktober 2015
Keine Chronik und keine Zeitraffer-Dokumentation der
Ereignisse von Whyl, über Brockdorf, Grohnde, Kalkar,
Wackersdorf bis Gorleben — zum Glück! Stattdessen
ein echtes Bewegungsbuch mit vielen außergewöhn¬
lichen und lehrreichen Widerstandsgeschichten erzählt
von einigen ihrer Protagonist*innen selbst. Detailreich
und sehr konkret, selbstbewusst militant und anrührend
emotional bekommen wir eine Ahnung von dieser für
die Bundesrepublik ungewöhnlich breiten, vielfältigen,
hartnäckigen und wild entschlossenen sozialen Bewe¬
gung.
Das Buch erzählt nicht bloß von weit über 1 00 ge¬
fällten Strommasten nach Tschernobyl, wir lesen viel¬
mehr von dem Feuerwerk eines in die
Knie gehenden Strommasten und vor
allem davon wie die Aktivistinnen ihre
Angst vor einer so großen Aktion in
den Griff bekommen. Das Buch erzählt
von der „goldenen Hakenkralle“, von
Wasserlanzen zum Unterspülen von
Gleisen und Straßen, vom beinahe zu
Fall gebrachten Verladekran, von der
aufwändigen Vorbereitung zu einer
„lichterloh brennenden“ Eisenbahnbrü¬
cke auf der Castor-Transportstrecke,
von den trickreichsten Einbetonier-Ak-
tionen, autonomen Treckerblockaden
zum Schutz von Maulwurfarbeiten, von
der Erstürmung der Endlagerbaustelle,
vom Widersetzen in Massensitzblo¬
ckaden, vom Schottern und Verscheu¬
chen von Bulleneinheiten im Wald zur
kollektiven Schienensabotage.
Das mag jetzt wie der Jahrezehnte-Bericht von „Be¬
wegung forscht“ klingen. Und tatsächlich ist die Anti-
Atom-Bewegung das Widersiandslabor linksradikaler
Bewegungen in Deutschland. Wenn die Bahnanreise
von Nazis zu einem ihrer Aufmärsche durch brennende
Signalanlagen behindert wird, dann sind das häufig
Techniken, die aus dem Castor-Widerstand adaptiert
werden.
Aber das Buch schafft mehr als den außergewöhn¬
lichen Erfindungsreichtum der Widerständigen darzu¬
stellen. Es fängt auch die ungewöhnliche Atmosphäre
eines über die Jahre immer breiter-widerständigen
Landkreis ein. Die politische Wirkung des Großbrands
unter der Seerauer Brücke kurz vor dem Castortrans-
port z.B. hat sich erst über die un(!)-heimliche Freude
im Landkreis entfalten können: Wandgraffitis wie
„Wenn die Brücke brennt bei Nacht, der Castor-Geg-
ner schallend lacht.“ werden nicht übermalt und auch
das Gerücht, die freiwillige Feuerwehr aus dem Land¬
kreis habe sich bei diesem Löscheinsatz nicht sonder¬
lich beeilt, hält sich hartnäckig.
So klingt es für uns Stadt-Autonome fast unglaub¬
würdig mindestens aber sehr befremdlich, wenn eine
Wendland-Bäuerin auf drei Heuballen an der Strecke
zeigt, einen Benzinkanister rüber reicht und sagt „Ich
glaube ihr wisst was zu tun ist — wir müssen noch Kühe
melken.“
Im Buch erfahren wir gleich in mehreren der über 40
Geschichten, wie sich über viele Jahre hinweg ein
Miteinander von Stadt-Autonomen und Bäuer*innen,
Hippies und vielen anderen Akteur*innen entwickelt:
von der anfänglichen Distanzierung von Anschlägen
auf die Bahn über die Skepsis der Bauern am Tag
die (Autonomen) können doch gar nicht richtig
arbeiten“ bis hin zur gemeinsam
ausgeheckten konspirativen Über¬
raschungsaktion.
Die Autorinnen stimmen dabei al¬
lerdings keine glorifizierende Hym¬
ne auf den vermeintlichen „Vor-
zeige-Widerstand“ an. Wir lesen
ebenso von missglückten Aktionen
von der streitvollen Annäherung
so unterschiedlicher Widerstands¬
kulturen und von strategischen
Auseinandersetzungen - häufig
über die leidige Gewaltfrage.
Auch der Abschied der Grünen
aus der Widerstandsbewegung
bereits 1 986! wird nicht relativiert.
Lehrreich ist das Buch ebenfalls in
mehreren sehr unterschiedlichen
Betrachtungen zur Dynamik von
Widerstand. In die „Verantwor¬
tungsfalle“ (sich regulierend für alle Aktionen ver¬
antwortlich zu fühlen) ist nicht nur Blockupy 2015 in
Frankfurt getappt, sondern auch schon die damals
25 jährige (spätere Landtags- und EU-Parlaments-
Grüne) Rebecca Harms als damalig Vorsitzende der
Bürgerini. Auf einem großen Musikfestival 1 982 an
der Endlagerbaustelle in Gorleben ging es richtig ab
— und das war auch so geplant. Militante Angriffe auf
die Baustelle und die Bullen. Es ist amüsant zu lesen,
wie der Widerstand damals mit einem mäßigenden
„Moderationsversuch“ umgegangen ist...
Die Erzählungen sind nicht lediglich „eingebettet“ in
die Historie von aktuell über 40 Jahren Bundesrepu¬
blik — sie vermitteln ein Gefühl davon, wie diese sozi¬
ale Bewegung die Geschichte dieses langen Zeitraums
aktiv verändert und mitgeschrieben hat. Wie sie einem
hochmilitarisierten Polizeistaat die Kreativität von
Massenmilitanz und massivem Ungehorsam entgegen¬
stellt und -setzt hat und darüber gesamtgesellschaft¬
lich Meinungen bildet. Ebenfalls Meinungsmachend
und wirklich krimireif liest sich die Geschichte des
X,
7
Transnuklear-Skandals, bei dem sich mehrere Atom¬
müll-Manager das Leben nehmen und eine weitere
Person auf mysteriöse Weise ums Leben kommt. Die
Stimmung einer technologiegläubigen Gesellschaft im
Überfluss kippt so kurz nach Tschernobyl — die Utopien
einer Revolte gegen den technokratischen Atomstaat
erhalten neuen Aufwind.
Fehlen tut natürlicher weise eine ganze Menge in
der immerhin 380 seifigen, eindrucksvoll bebilderten
Zusammenstellung von Widerstands-Narrationen. Wir
hätten gerne mehr von diversen Aktionen, so auch vom
Brand des gerade fertiggestellten Bullen-Container-
Dorfes vor einem der Castor-Transporte gelesen und
auch von einem weiteren Whistleblower, Rainer Moor¬
mann, der 2008 die Vertuschung eines folgenschweren
Unfalls am Forschungsreaktor Jülich nicht mehr mit¬
tragen wollte und gegen massiven Widerstand seines
Arbeitgebers auspackte.
Weitaus bedauerlicher ist jedoch, dass sich offenbar
niemand finden ließ, der/die einen Artikel zu den Be¬
mühungen der Revolutionären Zellen an der Seite der
Anti-Atom-Bewegung verfassen könnte. Vielleicht fühlt
sich ja jemand motiviert, dies hier in einer Ausgabe
des „Autonomen Blättchens“ nachzuholen.
Sehr angenehm ist uns aufgefallen, dass das Buch mit
keiner Seite einen historisierenden „Rückblick“ auf
ein „geschlossenes Kapitel“ sozialer Bewegungen in
Deutschland einnimmt. Es herrscht einhellige Auffas¬
sung unter den Autorinnen, dass der Kampf gegen
die zilvil-militärische Nutzung der Atomenergie noch
lange nicht vorbei ist — und der Kampf um eine Men¬
schen- und Naturgemäße Energieversorgung erst recht
nicht.
Der wachsende Widerstand gegen Uran-Transporte
und der beträchtliche Widerstand gegen den Koh¬
le-Tagebau sind selbstverständlich noch meilenweit
entfernt von der Strahlkraft eines Wendland, aber
der folgende Bericht einer im Oktober durchgeführten
Aktion gegen die Rodungsarbeiten im Hambacher
Forst würde schon sehr gut in die Widerstands-Erzäh¬
lungen dieses Buches passen:
Am nächsten Morgen wurden Rodungsarbeiten durchge¬
führt. Aktiv war dabei eine Art baggerähnliche Ro¬
dungsmaschine i, nur bewacht von einem Security-Auto.
Die Securities schienen abgelenkt und hatten ihre Positi¬
onen verlassen. Dies nutzten etwa 20 Aktivistinnen, um
durch den bereits demolierten Zaun zu brechen und das
Security-Auto und den Bagger zu entglasen. Ein Security
versuchte einzugreifen und einen Menschen festzuneh¬
men, der Rest zeigte sich solidarisch und verhinderte die
Festnahme. Im Anschluss war es möglich dem Bagger
noch ernstere Beschädigungen zuzufügen: Die Hydrau¬
likschläuche wurden zerschnitten und die Elektronik im
hinteren Teil des Fahrzeuges komplett zerstört (...)
Dokumentation:
Wir haben in der Nacht auf den 25*09.2015
die Fassade des Sitzes der CDU in
Bielefeld in der Turnerstraße mit einem
Feuerlöscher voll roter Farbe bedacht.
Ziel unserer Aktion ist die CDU geworden, da wir den
rassistischen Abfall, den wir täglich zu Ohren bekom¬
men, nicht hinnehmen wollen. Wir halten diese Partei
jedoch nicht für die Wurzel allen Übels. Sie ausge¬
wählt zu haben ist beispielhaft zu verstehen, denn sie
ist bloß ein Rädchen unter Vielen im Getriebe des
Systems, mit dem wir uns Tag ein Tag aus konfrontiert
sehen. Die CDU ist Teil der Regierenden, Teil derer,
die dafür verantwortlich sind was in der BRD und von
ihr ausgehend in der Welt passiert: Ausbeutung, Krieg,
Elend, Flucht, ... - die Bilder sind bekannt, die Toten im
Mittelmeer kann niemand mehr zählen.
Welche Farbe auch immer ihre Krawatten haben
mögen - und auch wenn sie (zeitweise) in der parla¬
mentarischen Opposition sind - sie alle sind Feinde
der Freiheit!
Wir hassen das vorherrschende System nicht erst seit
gestern und fragen uns ob das auch noch anderen so
geht. Ist da noch wer? Seid ihr noch wütend?
Die Sprachlosigkeit der Radikalen Linken / Autonomen
Restbestände ist nicht auszuhalten und ihr Nicht-Ver¬
halten wird den eigenen Verfall weiter vorantreiben.
Ist es so schwer zu erkennen, dass es nach wie vor die
gleichen Anzug tragenden, gerne ihre Fratze in die
Kamera haltenden, geistigen Brandstifter sind, die mit
ihrer Hetze ein Klima schaffen, in dem sich die tat¬
sächlichen Brandstifter erst wohlfühlen? Ist ihr Ge¬
wäsch von Überforderung gegenüber den aktuellen
Fluchtbewegungen annähernd glaubhaft? Warum
flüchten die Menschen eigentlich? Wegen Kriegen?
Wer führt diese Kriege? Wessen Soldat*innen, Waf¬
fen, Gelder etc. sind da im Spiel und mit welchem
Interesse eigentlich?
Viele Fragen. Alte Antworten?
Wir sehen unsere Aktion lediglich als Aufschrei in
diesen finsteren Zeiten, als einen Ausbruch aus der
Ohnmacht und der Lethargie und als einen Angriff
8
auf die Herrschenden. Da, wer es nicht wagt Schritte
zu gehen, auch niemals in Bewegung kommen wird,
haben wir einen Schritt in eine Richtung gemacht. Wir
wollen und werden weiter Widerstand leisten. Als
einen wichtigen Teil dieses Kampfes sehen wir das
Benennen und das direkte Angehen der Verantwort¬
lichen der gegenwärtigen Misere. -
Die Zäune um Europa wachsen nicht von selbst!
Viele Ressourcen werden momentan in der Linken
dafür aufgebracht PEGIDA und Co hinterher zu laufen
und Alt-Kleider oder Kaffee an Geflüchtete zu vertei¬
len. Die humanitäre Hilfe kann aber keine Antwort aus
dem radikalen Milieu sein. Nicht, dass es falsch wäre,
Sachen die mensch nicht mehr trägt
weiterzugeben,
das Problem ist nur: Warum bleiben
so viele bei diesem Schritt stehen?
Denn wenn PEGIDA oder wie auch
immer sie alle heißen mögen, wieder
von der Straße verschwunden sind,
geht der ganze rassistische Alltag
im Kapitalismus zu meist wie geölt
weiter. Lasst uns nicht ständig Feuerwehr spielen und
dabei nur auf die Symptome schauen, sondern lasst
uns Vergangenes analysieren, um Zusammenhänge zu
verstehen, um mit mehr Weitsicht das Problem bei der
Wurzel zu packen.
Falls wir mit unseren Ansätzen völlig daneben liegen,
die Alternative des Nichts-Tun aber auch nicht gefällt,
fragen wir uns, warum über diese Thematik nicht in
den entsprechenden Szene-Zeitungen und Publikati¬
onen diskutiert wird. Ist die Friedhofstille der Radi¬
kalen Linken / Autonomen Zeichen einer Ohnmacht
gegenüber den Verhältnissen oder dessen, dass wir
nicht begreifen, was um uns herum passiert?
Für viele weitere Schritte und
eine Reflexion eben dieser!
Bringen wir die Festung Europa
zu Fall und lassen wir den
Kapitalismus hinter uns!
Gegen jede Herrschaft!
Autonome Gruppen
Dokumentation:
AfD-Büro angegriffen
Am Freitag den 27.1 1. hatten wir nicht nur den „Mut
zur Wahrheit“ sondern auch den „Willen zur Tat“ und
haben im Kontext des bevorstehenden AfD-Bundes-
parteitags in Hannover, das Büro der AfD-Dinslaken
im Kreis Wesel gelüftet und innen, wie aussen neu
eingefärbt. Wir dachten uns, dass frische Luft und ein
bisschen mehr Farbe im Leben den spießbürgerlich¬
konservativen und vorallem rassistischen, heterose¬
xistischen Arschlöchern mal gut täte. Lasst das neue
Ambiente auf euch wirken und passt auf eure Garten¬
zwerge auf!
An dieser Stelle noch solidarische Grüße an alle Men¬
schen die sich am 28.1 1. an den Protesten in Hanno¬
ver beteiligt haben!
Gegen Nationalismus und Patriarchat!
Dokumentation:
Festung Europa sabotieren -
wir schaffen das
Noch während die Flüchtenden von freiwilligen Hel¬
ferinnen, von mitfühlenden Aktivistinnen, von solida¬
rischen Menschen an den Bahnhöfen begrüßt wurden,
verschärften die Machthaberinnen die rechtlichen Hür¬
den für Flucht und Migration beinahe täglich. Dabei
geht es nicht um reine Abschottung, sondern um Sor¬
tierung - in „gute“, „verwertbare“ und „weniger gute“,
kaum zu „verwertende“ Geflüchtete. Führende Vertre¬
ter der Wirtschaftseliten wünschen sich ein begrenztes
Potential an gut ausgebildeten Billigarbeitskräften.
Menschen, die die Bereitschaft und Motivation mitbrin¬
gen, jeden Strohhalm zu ergreifen, um den Kriegsver¬
hältnissen zu entkommen, vor denen sie geflüchtet sind,
sollen integriert werden — falls ihre Arbeitskraft für
den Fortbestand des Standortes Deutschlands nützlich
sein könnte. So ermöglichen Krieg, wirtschaftliche Not
und Flucht den Unternehmen und dem Standort eine
neue Runde der Lohndrückerei, unter dem Vorwand,
ein vermeintliches demographisches Problem auszu¬
gleichen.
Angesichts dieses Selektionsziels — wir benutzen die
Vokabeln bewusst, da wir widerliche Verhältnisse
nicht durch politisch korrekte Bezeichnungen auch
noch schönreden wollen — leuchtet es uns ein, warum
die politisch Verantwortlichen in Kauf nehmen, dass
Familien bei Kälte, Regen und mittlerweile Schnee im
Freien vor dem „Landesamt für Gesundheit und Sozi-
dies“ in Berlin, dem „LaGeSo“, die Nächte und Wo¬
chen hindurch für ihre Termine anstehen müssen. Das
so entstehende öffentliche Bild ist durchschaubar: Die
„unhaltbaren Zustände“, die „Überforderung“ kann
dann Thema in der öffentlichen Propaganda werden.
Den Wohlstandschauvinistlnnen aller Färbungen und
Parteien dient es als Zunder für ihre geistige Brand¬
stifterei. Aktivistisch orientierte Nazis setzen die so
erzeugte Stimmung in Brand- und Mordanschläge um.
Der Verfassungsschutz wird sie - wie gewohnt (Stich¬
wort: NSU) — gewähren lassen, steuern und bereit¬
willig Aufbauhilfe leisten, siehe Hogesa: Ein V-Mann
des Verfassungsschutzes hatte die „Hooligens gegen
Salafismus“ gegründet, die bekannt wurden durch
ihren Innenstadt-Terror in Köln mit mehreren tausend
Beteiligten.
Nicht nur die Nazis greifen Flücht¬
ende und ihre Orte an: Die Polizei
räumte das selbstorganisierte ^ ^
Camp kämpfender Refugees am
Oranienplatz in Berlin. Sie über¬
fiel das von Refugees besetzte
Schulgebäude in der Ohlauer-
straße und verhängten einen
mehrtägigen Ausnahmezustand
über das Viertel. Auf die Beset¬
zung eines Hostels in der Fried-
richshainer Gürtelstrasse antwor¬
tete sie mit der Abriegelung des
Wohnblocks und einer Strategie des Aushungerns. Im
Kleinen wie im Großen zeigt sich: Die Festung Europa
kann nicht anders als militärisch gegen die Menschen
in der Migration, die sie die „Flüchtlingskrise“ nennen,
Vorgehen. Wer das alles überlebt und erträgt, darf
vielleicht bleiben und sich integrieren, so die Logik
dieses buchhalterisch Kosten und Nutzen verrech¬
nenden „Migrationsregimes“.
Allerdings haben sich Mitmenschlichkeit und Empa¬
thie eines Teils der Bevölkerung in Deutschland und in
vielen anderen Ländern in solidarisches Handeln ver¬
wandelt und damit diese Festung durchbrochen. Und
das ganz ohne staatliche Steuerung und regierungs¬
amtliche Lichterketten — auch als praktische Antwort
von Unten auf den Hass der Vertreter der rassistischen
weißen Herrenrasse mit ihren Brandanschlägen.
Gleichzeitig haben die Herrschenden kein anderes
Problem als „die Ordnung wieder herzustellen“,
sprich: die unkontrollierten Unterstützungsbewegungen
wieder einzufangen und selbstbewusste, selbstorgani¬
sierte Flüchtende zu stoppen, die die Grenzen notfalls
auch zu Fuß und quer über die Felder schaffen.
Der institutionelle Rassismus, wie er im abschiebungso¬
rientierten Streben nach Wiederherstellung der Ord¬
nung zum Ausdruck kommt, hängt mit Nazimorden und
-brandstiftungen und der geheimdienstlichen Unterstüt¬
zung beim Aufbau faschistischer Organisationen zu¬
sammen. Die vom Verfassungsschutz aufgebauten und
teilweise durch V-Leute sogar geführten Zusammen¬
hänge (Stichwort: Hogesa) bilden eine terroristische
Reservearmee in diesem Land, die den kolonialen und
rassistischen Chauvinismus als Leitkultur absichern soll,
wenn es „eng“ wird. „Eng“ wird es dann, wenn soziale
Konfliktlinien aufbrechen und revolutionäre Kämpfe
daraus entstehen könnten — z.B. aus der Zusammen¬
arbeit von Refugees und anderen verarmten oder
empathischen Bevölkerungsteilen.
Die Unordnung der einen ist der Freiraum der ande¬
ren: Dem Staat mag einiges entglitten sein, die Regis¬
trierung der Flüchtlinge, die Kontrolle ihrer Wege und
Ziele, der selbstorganisiert helfende Aktivismus eines
Teils seiner eigenen Bürgerinnen. Die Menschen auf
der Flucht haben die Unordnung durchgesetzt mit ihrer
Mobilität, Kreativität, ihren Ideen und Strukturen, sei
es in Deutschland, an den Grenzen der Balkanstaaten
oder sonstwo unterwegs. Für sie ist die
Unordnung eine Chance: Sie nutzen die Si¬
tuation, indem sie sich ihr eigenes Zielland
suchen, sich selbst entscheiden, welchen
Zug sie nehmen und wo sie aussteigen und
dabei weiter die ordnende, registrieren¬
de, sortierende und letztlich abschiebende
Behördentätigkeit unterlaufen. Daher das
krampfhafte Bemühen um die „Wiederher¬
stellung der Ordnung“. Würden in einer
solchen Situation viele Menschen im Inneren
der Festung Europa zu Sabotageaktionen
übergehen, dann wäre das auch nicht ge¬
rade ein Beitrag zur Wiederherstellung der Ordnung.
Wenn es keine Reisefreiheit für Flüchtlinge in Europa
gibt und solange die Grenzen nur für jene offen sind,
die den richtigen Pass besitzen, die richtige Spra¬
che sprechen, die richtige Hautfarbe haben, solange
ernsthaft erwogen wird, in als „sicher“ deklarierte
Zonen innerhalb von Kriegsgebieten abzuschieben,
darf es innerhalb der Festung Europa keine Ruhe und
Ordnung geben.
Die Herrenmänner und -frauen, diese „Blut und Bo-
den“-Hetzer und die Patrioten, eingewickelt in ihre
Deutschlandfahnen mit ihren tagtäglichen Angriffen
auf Flüchtlinge, deren Unterstützerinnen und alle die
sich nicht in ihre Deutschwelt einfügen wollen, fordern
ein Signal heraus, dass ihnen jede weitere Lust auf
Übergriffe nachhaltig vergeht. Diese Kälte, dieser
Hass auf Fremde, diese kühle rationale Denkweise
über Nützlichkeit und Verwertung durchzieht die Ge¬
schichte von Herrschaft.
Wenn Flüchtlinge auf Demonstrationen rufen: „Wir
sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört!“, dann weil
Ressourcenraub, Waffenexporte, koloniale Unter¬
drückung über Jahrhunderte hinweg, jetzt dorthin
zurückwirken, wo sie ihren Ausgang nahmen und
nehmen. Deutschland ist, historisch wie aktuell, an der
Zerstörung der Lebensbedingungen in vielen Ländern
mitverantwortlich. Es hat durch Raubbau, durch Frei¬
handel und Ausbeutung in Billiglohnverhältnissen, durch
Waffenlieferungen, durch die Kumpanei mit korrup-
10
ten Autokraten, Ol- und Gas-Diktatoren, durch Export
zweifelhaften Industrieschrotts und der demokratischen
Herrschaftsform, durch eigennützige Entwicklungs¬
hilfe und andere fragwürdige zivilisatorische Errun¬
genschaften andere Länder dominiert, diese an sich
gebunden, abhängig gemacht, ausgesaugt, wieder
fallen gelassen und
zerstört. Das Land,
in dem wir leben und
in dem sich fast alle
über die „Flüchtlinge“
als „Krise“ einig sind,
ist aber nicht etwa
Opfer einer Krise.
Dieser Staat mit seiner
Wirtschaft und allen, die ihn stützen, ist Täter und
Profiteur im globalen Krieg, der immer neue Gren¬
zen überschreitet, schnell wechselnde Fronten und
Bündnisse hervorbringt und über den in den privaten
und staatlichen Medien berichtet wird, als ob nichts
anderes möglich wäre.
Wer zum Beispiel aus Paris nicht die Lehre zieht, jeg¬
liche Waffenproduktionen und den Handeln damit in¬
ternational zu ächten, wird noch mehr Waffen bauen
um diese auch einzusetzen. Soziale Konflikte werden
nur noch militarisiert gedacht und ausgetragen. Eine
Frage der Zeit, wann die nächste Asylrechtsverschär¬
fung die aktuelle überflügelt, die nächsten Sicherheits¬
gesetze die Luft zum Atmen weiter abschnüren, wann
die Festung Europa rein militärisch gesichert wird,
wann an den Grenzen auf Flüchtlinge auch offiziell
geschossen werden darf (ge- und erschossen wurde
bereits) und wann der Einsatz deutscher Bodentruppen
in Kampfhandlungen alltäglich wird. Alles wird Krieg
und Deutschland als einer der weltgrößten Waffenex¬
porteure verdient daran.
„Für freies Fluten“ war die Parole militanter Gruppen
im letzten Jahrhundert als Antwort auf die „Flüchtlings¬
flut“ (neuerdings auch gerne ,,-orkan“), das paranoide
Bild, mit dem gegen Menschen auf der Flucht und in
der Migration gehetzt und schließlich das Asylrecht
durch eine große Koalition schon damals, 1 992, de
facto abgeschafft wurde. „Für freies Fluten“ setzen
diese Menschen jetzt ohne nennenswerten Anteil mi¬
litanter Gruppen in die Wirklichkeit um. Mit all den
Chancen und Widersprüchen.
Wir sehen unseren Platz an der Seite derer, die in
dieses Land wollen und ihr Lebensrecht einfordern:
Refugees welcome! Bring your families and comrades!
Die chauvinistische Mobilmachung gegen Refugees
braucht ein starkes Kontra. Es gilt den Preis und den
Schaden für die menschenverachtende Politik in ab¬
sehbarer Zeit so hochzutreiben, dass ein Zwang zur
Kursänderung entsteht. Wie sonst könnte die gesell¬
schaftliche Möglichkeit eröffnet werden, dass alle Ge¬
flohenen ins Land kommen können, die hier her wollen.
menskultur“ selbstbewusst auszubauen und staatliche
und polizeiliche Vereinnahmungsversuche zurückzuwei¬
sen.
Wir rufen zur subversiven Unterstützung für nach¬
folgende Aktivitäten und Solidarität im Falle der
Repression auf:
Wir rufen zur aktiven Fluchthilfe und Unterbringung
illegalisierter Flüchtlinge auf.
Wir rufen zu Sabotage aller Formen von militä¬
rischer Ausrüstung und aller Produktion fürs Militär
auf.
Wir rufen zum Hacken aller militärischer Kommuni¬
kationen weltweit auf.
Wir rufen dazu auf, durch gezielte Anschläge auf
Nazis und deren Strukturen deren Kräfte zu binden
und dadurch Flüchtlingen und deren Unterstützer¬
innen den Rücken freizuhalten.
Wir rufen auf zu Anschlägen auf alle Behörden,
deren Zweck es ist, Menschen nach ihrer Verwend¬
barkeit im Kapitalismus zu sortieren und alle Über¬
flüssigen abzuschieben.
Wir rufen allerorten auf zu Anschlägen auf Infra¬
struktureinrichtungen aller Art, die dazu dienen,
die Normalität und Ordnung aufrecht zu erhalten,
die den Zusammenhalt und das Funktionieren der
Festung Europa nach innen und außen garantie¬
ren. Die Festung Europa ist in ihrer wirtschaftlichen
Funktionsfähigkeit zu erschüttern und zu sabotie¬
ren!
Wir werden Geflüchtete verstecken und gemeinsam
neue Orte schaffen, wir werden lernen diese Orte
entschieden zu verteidigen, wir werden Löcher in
die Zäune schneiden - konkret und im übertra¬
genen Sinne.
Vulkangruppe:
Festung Europa sabotieren —
wir schaffen das
Wir rufen dazu auf, alle Strukturen unkontrollierter,
selbstorganisierter Bewegung und der „Willkom-
11
Eine Absage an jegliches
Hegemonie-Bestreben innerhalb des
Widerstands
Viel ist bereits geschrieben worden zu den Ereignissen
vom 1 8. Mörz 2015 in Frankfurt.
Das Papier des Blockupy-Koordinations-Kreises
(linksunten.indymedia — 16.6.2015/AB Nr. 22)
nennt eine Reihe sogenannter Grundvoraussetzungen
für ein solidarisches Miteinander und für Handlungsfä¬
higkeit im Herzen des Krisenregimes. Es wirbt für die
Legitimation eines (zeitlich und räumlich begrenzten)
Aktionskonsens und für die Bereitschaft aller, sich mit
allen anderen Widerstands- Akteur*innen an einen
Tisch zu setzen.
In der Erwiderung einer Gruppe auf diesen KoKreis-
Text ( linksunten.indymedia — 3.7.2015/AB Nr. 22)
finden wir viele Kritikpunkte, die wir ebenfalls teilen.
Wir werden versu¬
chen Euch nicht mit
einer Wiederholung
zu langweilen. Uns
hat der unaufgeregte
Ton der Entgegnung
übrigens sehr gefal¬
len.
Auch wir haben (wie
die meisten ande¬
ren) einen solchen
Aktionskonsens nie
unterzeichnet. Warum
also noch ein Papier
zu dieser leidigen
Erfindung?
Würde die vermeintlich konsensuale Festlegung von
Aktionsbildern nicht immer wieder zur versuchten Be¬
friedung, also zur Verunmöglichung militanter Ausei¬
nandersetzung missbraucht, wäre uns eine Betrachtung
solcher Konsense keine Zeile wert. Leider sehen wir uns
aber genötigt, der immer wieder durchscheinenden
Ideologie erstickender Umarmung eine grundsätzliche
Absage zu erteilen.
Nicht alle, sondern in der Regel nur sehr wenige,
haben sich im Vorfeld des 1 8. März, so wie bei vielen
Großevents, in zudem ganz verschiedenen Vorberei¬
tungszirkeln auf unterschiedliche Aktivitäten verstän¬
digt. Die Definition eines Aktionsbildes verbindlich
für die vielen Leute, die dann am Tag X am gleichen
Ort tatsächlich zusammen kommen (sollen), ist grund¬
sätzlich vermessen. Jetzt werden einige Bewegungs-
Managerinnen einwenden: Aber mit dieser Einstellung
ist ja keinerlei verlässliche Absprache möglich. Und
da können wir nur antworten: Ja, das ist richtig. Zur
Unwägbarkeit und der damit verbundenen Unbere¬
chenbarkeit der „Masse“ später mehr. Wir teilen die
sogenannten Grundvoraussetzungen des Blockupy-
KoKreises nicht und stellen ihnen in vergleichbarer
Allgemeingültigkeit lediglich eine entgegen:
Die Grundvoraussetzung für ein Bewegung verstär¬
kendes Mit- und Nebeneinander ist das Selbstver¬
ständnis, sich auch bei selbst initiierten Widerstand¬
sereignissen lediglich als eine Akteurin von vielen zu
begreifen.
Wir haben nichts gegen Absprachen an sich. Wir ver¬
stehen und kennen die Situation sogar sehr gut, in der
wir als Initiatorinnen einer Aktion Handlungsempfeh¬
lungen aussprechen, z.B.um innerhalb einer militanten
Demo Anschluss an einen anderen Block zu halten oder
um gemeinsam vor nahenden
Bulleneinheiten abzuhauen. Das
macht Sinn und kann hilfreich
sein. Deshalb darf sich aber
niemand anmaßen, aus den
Empfehlungen Richtlinien (selbst¬
verständlich widerstands-demo-
kratisch legitimiert) abzuleiten,
die wie es im Ko-Kreis Text
stellenweise durchklingt auch re¬
pressiv gegen Teilnehmerinnen
der Aktion oder andre Anwe¬
sende durchzusetzen wären.
Wir betrachten das als eine
unerträgliche Repräsentanz, in
der eine Gruppe als vorturnende „Aktionsleitung“ dem
Rest als Herde die Handlungsoptionen vorgibt. Das
deckt sich weder mit unserem Selbstverständnis, noch
trägt es unserer Ansicht nach zu einer Stärkung der
Bewegung bei.
Von Aktionsbildzeichner*innen und
Militanzdosierer*innen
„Am 1 8.März entscheidet die Straße“, so lautete die
angenehm vollmundige Ansage auf dem Plakat der
Interventionistischen Linken (IL). Es reihte sich damit
kurz vor knapp ein in eine verheißungsvolle Serie
von Aufrufen und Mobi-Material verschiedenster
Akteur*innen, die verbal keck auf die Kacke hauten.
Die ungewöhnlich breite militante Mobilisierung hat
mit dazu beigetragen, dass ein beachtlicher, wilder
Haufen in Frankfurt zusammen kam. Dieser vermochte
die so notwendigen Rauchzeichen eines internationa¬
len NEIN von unten zu artikulieren.
Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist folgende
Selbstkritik eines mitorganisierenden Blockupisten zum
1 8. März in Frankfurt: „Nicht alle, die zur EZB-Eröff-
12
nung nach Frankfurt mobilisierten, waren also mit un¬
serem Vorhaben einverstanden, dem gesamten Gebiet
rund um die EZB unseren Aktionskonsens überzustülpen
oder noch selbstkritischer gesagt: es zu befrieden.
War dieses Vorgehen von uns nicht etwas vermessen?
Keiner würde beim Castor-Transport die gesamten
letzten Kilometer der Schienenstrecke bis Dannenberg
zu einer Aktionskonsens-Zone erklären.“ (Lower dass
Magazine — 27.5.15 / AB Nr. 22)
Keine Gruppe konnte die Deutungshoheit über die
Geschehnisse des 1 8. März in Frankfurt für sich be¬
anspruchen. Blockupy hätte gerne, aber das verbot
sich. Die Verantwortung in Selbstüberschätzung einer
„Ansprechorganisation für das Gesamte“ wurde mit
den teils heftigen Ausformulierungen des „Neins der
Straße“ zur ungeliebten Last. Angetreten für ver¬
lässlich dosierten Ungehorsam sah sich Blockupy nun
genötigt, „Inszenierungen“ zu kommentieren, für die
„andere politische Akteure“ Blockupies „Bühne“ be¬
wusst genutzt haben — so die Darstellung im eingangs
erwähnten Blockupy-Papier. Das muss Blockupy im
übrigen gar nicht tun und das wird Blockupy über die
Jahre der Gewöhnung an die Vielheit (wir sagen be¬
wusst nicht Multitude)
des Widerstands
auch immer weniger
tun — ein Lern- und
Streitprozess, den die
unterschiedlichsten
Gruppen im Wend¬
land bereits hinter
sich haben: Hier hat
sich eine koopera¬
tive Vielfalt darauf
verständigt, dass
1) jeder seine Ak¬
tivität selbst kom¬
mentiert (über selbst
gewählte Verbrei¬
tungskanäle) und
2) diese als eine von vielen darstellt.
Eine solches solidarisch-kollegiales Nebeneinander
vereint im gesamtheitlichen Miteinander muss zwar im¬
mer wieder erstritten werden (Castor-Schottern 2010),
ist jedoch seit vielen Jahren guter Widerstandston im
Wendland.
Die Geschichte des Wendlandwiderstands ist we¬
gen ihrer Reichhaltigkeit vielleicht das gewichtigste
Gegenbeispiel zur These der zivilen Ungehorsam-
Propagandist*innen: „Ohne die Formulierung und
Einhaltung eines Aktionskonsens wird die Masse bzw.
viele Sympathisierende unserem Widerstand fernblei-
ben.“ Auch für die Auseinandersetzungen um den G8
in Heiligendamm traf diese These nicht zu, obwohl sie
hier inmitten der militanten Auseinandersetzung mit
der Polizei besonders laut vertreten wurde. Wir wer¬
den nicht müde, vor dem trügerischen Irrglauben
zu warnen, mensch könnte mit gedeckelter Mili- 13
tanz die „der Masse“ nicht zumutbare Heftigkeit der
gefürchteten Bullen-(Re)aktion beeinflussen.
Massen-Mitmach-Angebote zu schaffen, ist vollkom¬
men richtig und wichtig — daraus abzuleiten, sozialer
Ungehorsam müsse „zivilisiert“ und in der Aktionsform
beschränkt werden, um erfolgreich zu sein, halten wir
für einen gefährlichen Trugschluss:
Wer glaubt, durch „aktives Durchsetzen eines Aktions¬
konsens“ unerwartetes und selbstbestimmtes Agieren
wegzuregulieren, bewirkt nicht nur politische Spaltung,
sondern beraubt sich mit diesem einhegenden Korsett
der Möglichkeit, eine Dynamik zu erzeugen, in der
sich überhaupt Freiräume für unübersehbaren Wi¬
derstand ergeben könnten. Kurzum: Die Unberechen¬
barkeit auch eines militanten Widerstands sollte für
alle Bewegten kein zähneknirschend zu erduldendes
„Bündnis“-Wagnis sondern eine Option zum Durchbre¬
chen eines vollständig (durch die Polizei) kontrollierten
Protestgefüges sein.
Unsere Wahrnehmung vom „schlimmen Finger“ am
1 8. März in Frankfurt ist in diesem Sinne eine überaus
positive: Hier wurde nichts „gekapert“, hier haben
sich Menschen selbst ermäch¬
tigt und sich weder von der
Polizeipräsenz in der Stadt
noch von den Vorgaben eines
ohnehin nicht flächendeckend
gedachten Aktionskonsens
einschüchtern lassen: Eine
gelungene Wiederaneignung
der Autonomie des Wider¬
stands als Gegenentwurf zu
einem sich künstlich ohnmächtig
machenden zivil(isiert)en Unge¬
horsam.
Vielfalt versus Einfalt der
Hegemonie
Blockupy wie auch viele ande¬
re Akteur*innen stellten ihre Aufrufe zum 1 8.03.2015
in einen transnationalen Kontext. Neben der gemein¬
samen Bekämpfung des Krisenregimes soll das Über¬
winden der Grenzen sinnvollerweise auch dem Zweck
dienen, verschiedene Formen des Widerstands von
Genossinnen aus anderen Ländern kennenzulernen
und gegebenenfalls adaptieren und zu können. In die¬
sem Sinne wollen wir den Blick auf ein Beispiel richten,
das zeigt, wohin „Aktionskonsense“ führen können.
In Italien versuchten einige politsche Kräfte unter
dem Namen „Disobedienti“ eine überaus bedenkliche
Widerstandsreform. Sie nennen es Modernisierung
des Widerstands, bzw. Anpassung der Methodik an
die aktuellen Kräfteverhältnisse. Autonome Kleingrup¬
penkonzepte werden da schon mal als grundsätzlich
„antiquiert“ und „überholt“ bezeichnet. Ihr verständ¬
licher Wunsch, „mehr zu werden“ treibt sie mit dem
Projekt „ziviler Ungehorsam“ in eine gefährliche
Erfolgsfalle. Jede Aktion muss erfolgreich sein, um
positive Ausstrahlung zu garantieren — eine kritische
Analyse verlässt die Hinterzimmer nicht. Die Absiche¬
rung des unbedingten Erfolges geht in Einzelfällen so
weit, dass einige ihrer Organisator*innen im Vorfeld
einen „für alle Seiten erfolgreichen Ablauf“ von Mas¬
senprotestaktionen mit der Polizei absprechen:
Über die Gewährleistung eines Aktionskonsens sollte
der mit der Gegenseite ausgehandelte Ausdruck der
Aktion (welche Mittel setzen wir ein — im Widerstands¬
neusprech: „Aktionsbild“) eingehalten und der ausge¬
handelte „Erfolg“
(wie weit lässt
uns die Polizei
gemäß Abspra¬
che Vordringen?)
eingelöst werden.
Das erfordert
eine geschickte
verhaltensöko¬
nomische Lenkung der Widerständischen, so wie wir
dies von modernen Governance-Konzepten unter dem
Begriff des ,,nudging“(=stubsen) kennen. Obwohl
mensch auf ein zu offensichtliches, beton-stalinistisches
Ordner*innen-Konzept zur Einhaltung der Abspra¬
chen verzichtet hatte, fühlten sich so viele Beteiligte so
gründlich verarscht, dass es zu einem offenen Bruch
vieler linker Gruppen mit den Disobedienti kam. Die
Glaubwürdigkeit der Gruppe, mehr als eine in der
Wirkung beschränkte Inszenierung von Widerstand
zu beabsichtigen, war zerstört. Dennoch bemühen sich
die Disobedienti, als italienische Blockupy-Schwester
weiter um die Hegemonie in der aktionsorientierten
Linken, wie es zuletzt bei den Anti-Expo Protesten rund
um den ersten Mai 2015 in Mailand zu beobachten
war.
Zum Glück reicht die bislang tatsächlich erlangte He¬
gemonie selbst innerhalb von Blockupy (noch) nicht so
weit: Im „schlimmen Finger“, der am Morgen des 1 8.
März in Frankfurt ohne vorab definierten Aktionskon¬
sens für beträchtliche Verwüstung in Frankfurt gesorgt
hat und sich dann wieder anderen Aktivistinnen an¬
geschlossen hat, befanden sich zahlreiche vermummte
Blockupistas. Das fanden wir gut — auch eine undog¬
matische Interpretation eines befremdlichen Aktions¬
konsens. Wir werben aber aus politischen Gründen
eher für ein aktives Zurückweisen eines solchen Akti¬
onskonsenses — quasi mit (halb-)offenem Visier.
Wer hingegen die Übergriffe von italienischen Di¬
sobedienti auf Mitdemonstrierende, die in und aus
der Demo heraus militant agieren, als eine auch in
Deutschland anzustrebende „aktive Durchsetzung des
Aktionskonsens“ bezeichnet, der sollte besser keine
Aktionschoreografie mehr entwerfen. Mit Leuten, die
eine derartige Stalino-Haltung offenbaren, wollen wir
keine gemeinsame Sache machen. Wir haben keine
Lust auf Verhältnisse wie in Griechenland, wo anar¬
chistische Genossinnen sich handgreiflich gegen
Schläge und Tritte von „Genossinnen“ der beton¬
kommunistischen KKE wehren müssen, um sich Zutritt zu
einem öffentlichen Platz zu verschaffen. Wir möchten
uns nicht mit Reißbrett-Choreografinnen, um Hand¬
lungsspielräume auf der Straße prügeln - das wäre
die denkbar unsinnigste Gesamt-Choreo. Denn eins
müssen alle lernen:
Entscheidend für den politischen Ausdruck ist alleinig
die Gesamtchoreografie in ihrer Vielheit und nicht
die per Deutungshoheit geliftete Bedeutsamkeit einer
Einzelaktion.
Mediale Dominanz als Katalysator zur Vereinheit¬
lichung eines an immer runderen Tischen und von
von wenigen Vorplaner*innen erdachten politischen
Ausdrucks wird das Problem nicht lösen. Sie verleitet
allenfalls zu Allmachtsgelüsten auf ein universelles Be¬
wegungsmanagement. Und dem widersetzen wir uns,
politisch motiviert, mit aller Vehemenz.
„Egal, was passiert -
Hauptsache wir behalten die Deutungshoheit“
Mit diesem Ausspruch stimmte sich der weniger fort¬
schrittliche Teil der Widerstandsführungsriege von
Blockupy auf das zu erwartende Entgleiten der Ge¬
schehnisse am 1 8. März in Richtung einer unübersicht¬
lichen Unruhe ohne festes „Aktionsbild“ ein. Das hat
nicht geklappt.
Statt eine wenig aussichtsreiche, statische Kon¬
frontation an einer quasi-militärisch verteidigten
roten Zone zu suchen, hat der wütende Mob für die
Ordnungshüter*innen schwer kalkulierbar und örtlich
flexibel gehandelt. Die Unberechenbarkeit und das
asymmetrische Ausweichen dynamischer Gruppen
bestimmte bis zum Nachmittag erfolgreich den poli¬
tischen Krawall in Frankfurt und konnte tatsächlich ein
kleines Zeichen des Aufruhrs setzen, das das politische
Anliegen weiter getragen hat, als eine ausschließliche
Inszenierung der Zahnlosigkeit am Zaun dies vermocht
hätte.
Viel wichtiger noch: über die so hergestellte breite
Vielfalt verschiedener Protestformen hat auch eine
Rekollektivierung der Interpretation der Ereignisse in
Frankfurt stattgefunden. Viele Stimmen prägen nun
die Bewertung der Geschehnisse. Und das ist gut so.
Nichts lähmt und bremst die Dynamik sozialrevolutio¬
närer Bewegungen stärker als jedweder Versuch von
Vereinnahmung oder Alleinvertretung.
Wir sehen den 1 8. März daher auch als eine deut¬
liche Zurückweisung jeglichen Hegemonie-Bestrebens
innerhalb der Linken. Man könnte sagen: „Am 1 8.
März hat die Straße entschieden“.
einige autonome Gruppen
01.11.2015
14
Überall Grenzen
Eine Reise zu den Sackgassen und
Schlupflöchern Europas
Montag, der 14. September 201 5
Zur Errichtung des europäischen Grenzzauns an der
ungarisch-serbischen Grenze beschließen wir endlich
die Geflüchteten auf ihrem Weg gegen die Wand
nicht allein zu lassen. Wir fahren mit Autos voll Hy¬
gieneartikeln, Kochutensilien und Textilien und tref¬
fen schon am Übergang Ungarn -Österreich auf die
ersten Trecks: Gruppen von einigen hundert Menschen
zu Fuß Richtung Grenze. Wir können einen Aufschrei
nicht zurückhalten und realisieren in diesem Moment,
dass wir nun mittendrin sind. In ihrer Flucht. Es sind so
viele..was haben sie schon alles hinter sich..was erwar¬
tet sie....wir steigen aus und begrüßen sie. Ich schäme
mich Europäerin zu sein.
Zur Dunkelheit erreichen wir das alte ungarische
Durchgangslager Röszke, was nun, verbarrikadiert von
dem eben geschlossenen Zaun, überflüssig geworden
ist. Das Einsetzen des letzten Zaunstückes gleicht einer
perversen Inszenierung und erstrahlt nun im Scheinwer¬
ferlicht für die Kameras aus aller Welt.
Dienstag, der 1 5. September 201 5
Tags darauf sind wir auf der serbischen Seite und
stündlich landen immer mehr Menschen in dieser Sack¬
gasse. Zwei Zäune und eine Polizeikette verhindern
jedes Weiterkommen. Anfangs reichen die privat
organisierten Hilfsgüter (Wasser!) noch irgendwie
aus, doch die Hitze und immer mehr Ankommende
sprengen sehr bald den Rahmen der psychischen und
physischen Zumutbarkeit.
Schnell formt sich ein laut¬
starker Protest vor dem
Tor und uns wird mitgeteilt,
dass die serbischen und
ungarischen Behörden sich
angeblich in Verhand¬
lungen befinden. In einem
Moment der Euphorie
können wir den Grenzü¬
bergang an der 200 Me¬
ter entfernten Autobahn
erreichen und stecken
doch wiederum nur in
der nächsten Sackgasse.
In der Zwischenzeit wurde dieser wohl mit fahrbaren
Wänden blockiert, die dort fünf Tage stehen bleiben
werden. Arabische Polizeidurchsagen informieren
uns, dass die Geflüchteten entweder ein Asylgesuch
für Ungarn in den nahegelegenen Containern stellen
können oder umdrehen sollen. Die, die sich für Fin¬
gerabdrücke entscheiden, werden ebenso enttäuscht:
mit einer Quote von fünf Personen pro Stunde und 60
Prozent Ablehnungen ist diese „Alternative“ bei ^
inzwischen einigen tausend Anwesenden eine reine
Farce.
Die Proteste und notdürftige Zeltunterkünfte werden
auf die Autobahn getragen und es beginnt ein Hun¬
gerstreik. Binnen
kürzester Zeit
ist das Gelän¬
de ein großes
beengtes Camp.
Ohne ausrei¬
chend Wasser
und Essen, von
sanitären Einrich¬
tungen ganz zu
schweigen. Kinder, körperlich beeinträchtigte und alte
Menschen, Schwangere, alle in der brütenden Hitze.
Stuck.
Viele Freiwillige und Aktivistinnen versuchen den
Notstand mit ihren Mitteln einzudämmen, aber beim
Austeilen der organisierten Güter kommt es immer
wieder zu Bedrängnis, Streit und Geschrei. Der Man¬
gel und die Angst sind allgegenwärtig.
Mittwoch, der 16. September 201 5
Der folgende Tag bringt erst einmal keine Verände¬
rungen: anhaltende Unterversorgung und Protest. Bald
kommen Busse, um Geflüchtete in ein nahe gelegenes
Lager zu bringen.
Mittags beginnen wir die Festung Europa zu erklim¬
men: wir stürmen
zu dem kleineren
Grenzübergang,
die zwei Zäune
werden entfernt,
sodass wir nur
mehr einem Was¬
serwerfer und
bis an die Zähne
bewaffneten
ungarischen
Polizist_innen
gegenüberstehen.
Pfeffer-, Tränen¬
gas und Wasser.
Auf Kinder, Frauen, Presse, EU-Bewohner_innen, Alle.
Von Seiten der serbischen Polizei wird nicht einge¬
griffen — ihr Ziel ist anscheinend unserem ähnlich: den
Druck auf Ungarn verstärken. Da kommt ihnen der
Straßenkampf wohl gelegen.
In einem Moment der Euphorie (davon gibt es tatsäch¬
lich mehrere..) öffnet sich die Polizeikette und deutet
eine Art Korridor an. Etwa 1 00 Menschen strömen
friedlich hinein, setzen sich, rufen „Thank you, Thank
you“ und bekommen den Zynismus mit voller Wucht zu Telefone Sturm, es werden Flugblätter über den Weg
spüren: Kinder im Nato-Draht, Geknüppel, Gas, Tren- zur slowenischen Grenze erstellt, eine Demo organi-
nungen, brutalste Gewalt. Kein Durchkommen. siert und Freiwillige transportieren Gestrandete weiter
zur slowenischen Grenze.
Allerdings ist diese, wie zu erwarten, ge¬
schlossen, sodass die kroatischen Behörden
beginnen die Geflüchteten in Lager unterzu¬
bringen und in Bussen über Ungarn umzulei¬
ten. Innerhalb eines Tages schließt Ungarn
daraufhin die fehlenden 40 Kilometer mit
Drähten.
So stauen sich seit Freitag weiterhin Men¬
schen an der slowenischen Grenze und immer
wieder von Neuem beginnt das Warten und
Ausharren mit der Hoffnung endlich irgendwo
anzukommen.
Kein zurück.
Derweil versuchen NGOs und Freiwillige die Geschä¬
digten notdürftig zu verarzten. Nachdem sich die
Lage etwas beruhigt hat, treffen verstärkt Busse ein,
die die Geflüchteten angeblich zur kroatischen Gren¬
ze bringen. Trotz der Unsicherheit werden die Plätze
heftig umkämpft und auch die Busfahrer scheuen sich
nicht ein Geschäft mit der Not zu machen: 40 Euro
kostet die halbe Stunde Fahrt.
Donnerstag, der 17. September 201 5
So machen auch wir uns auf, um die neue Route zu
erkunden: ein Übergang wird „offiziell“ geöffnet.
Das heißt wir laufen mitten in der Nacht auf einem
Feldweg kilometerweit um den serbischen Ausgang
herum, um schließlich an völlig unbeteiligt wirkenden
kroatischen Beamtinnen vorbei wiederum hinein zu
gelangen. Wir können einfach nicht glauben, was wir
da sehen und erleben: die Menschen
sind so ausgezehrt. Die Kinder lau¬
fen, ja, aber ohne zu laufen
kein Zurück vorwärtsstolpernd wie
Maschinen kein links kein rechts nur
vorwärts, weiter weiter
Nur weil irgendwer irgendwann ein¬
mal dachte, dass Staat und Grenzen
sinnvolle Ideen seien. Es ist alles so
absurd.
Nochmals einige Kilometer Fußmarsch später errei¬
chen wir den Bahnhof Tovarnik. Dort angekommen, le¬
gen sich die Menschen einfach direkt auf den Asphalt
und schlafen ein, so wie sie sind. Ein Zug ist eh‘ nicht in
Sicht.
Später werden wir erfahren, dass die Geflüchteten
auf dem Bahnhof mit minimalster Versorgung festge¬
halten werden und dabei völlig im Unklaren bleibt,
wohin die völlig überfüllten Züge fahren, die nach
stundenlanger Wartezeit eintreffen.
Irgendwann geht es weiter Richtung Zagreb. In der
kroatischen Hauptstadt treffen wir auf Aktivistinnen
von No Border Zagreb und auch hier klingeln die
Unsere Reise ist an dem Punkt vorbei, aber wir kom¬
men wieder (das geht nämlich). Wir werden nicht
hinnehmen, dass Politik weiterhin auf Kosten der
Menschenwürde verhandelt wird. Menschen können
nicht verhandelt werden. Die Geflüchteten werden
wie Spielbälle zwischen den Staat(sgrenz)en hin- und
hergeschoben. Dieses Katz-und-Maus Spiel ist so nie¬
derträchtig und demütigend. Menschen können nicht
illegal sein.
Wir fordern sichere Fluchtwege und eine
entsprechende Unterbringung und Betreuung
in den Zielländern. Ohne zu rechnen.
Fahrt und seht hin, zeigt euch an diesen neuen-alten
Brennpunkten! Immer wieder machen sich Freundin¬
nen mit Hilfsgütern auf den Weg, um den Geflüch¬
teten entgegenzufahren und mit ihnen die Grenzen
Europas in Frage stellen.
Wir kochen Essen, schen¬
ken Tee aus, bündeln und
verbreiten Informationen
über die Weiterreise, bauen
improvisierte Camps auf
und ab, verteilen Hygie¬
neartikel und Wechselklei¬
dung, organisieren Wasser,
verarzten so gut es geht.
Und erfahren zunehmend
Repressionen seitens der Staaten. Die Zustände sind
unhaltbar und trotzdem wird es freiwilligen Unterstüt¬
zerinnen, die außerhalb der völlig unzureichenden
Rot-Kreuz- und UNHCR-Infrastrukturen agieren, immer
schwerer gemacht. Doch wir bleiben solidarisch. Es
geht uns nicht darum Versorgungslücken zu schließen
— das ist unmöglich - sondern aufzuzeigen, dass die
Verantwortlichen für diese Misere eben ihrer Aufgabe
nicht gerecht werden. Ja, dass es nicht einmal in ihrem
Interesse liegt. Es geht darum den Druck zu verstärken.
Für diese Schande gibt es keine Rechtfertigungen.
16
Helene de Bande
Lass dich nicht verarschen!
Das Internet in der Zahnbürste, im Kühlschrank, im
Auto, im Rollladen, im Heizungsthermostat, im Strom¬
zähler, im Fernseher, am Atemfrequenz- und Pulszäh¬
ler... das ist alles nicht neu. Aber bald ist die Verbin¬
dung zum Netz in fast Allem eingebaut, was du kaufen
kannst.
Deine Kaffeemaschine kannst du per Smartphone
programmieren, damit der Kaffe fertig ist, wenn du
aufstehst? O.k., der Befehl dazu läuft natürlich erst¬
mal über den amerikanischen Konzern, der das Ding
gebaut hat. Der weiß, dass du immer erst um 9 deinen
Na und?
Irgendjemand weiß immer, was du gerade
tust, denkst, kaufst, ersehnst, hoffst; was du
isst, wie lange du Zähne putzt, was du im
Netz oder im TV siehst, wohin du mit welchem
Verkehrsmittel fährst, mit wem du dich strei¬
test. Irgendjemand weiß es immer. Alles. Klar,
die Nutzung deines Smartphone alleine reicht
schon aus, um fast alles über dich zu wissen.
Aber das sogenannte „Internet der Dinge“
macht eine routinierte Überwachung deines
Lebens noch einfacher. Denn wer weiß, was
in deinem Kühlschrank ist, weil das Gerät die
Produkte erkennen kann, weiß auch, ob du
Allergien hast, wie oft Freund_innen zu Besuch
kommen. Und wenn die auch ihr Smartphone dabeiha¬
ben, ist natürlich klar, für wen du die Leckereien ein¬
kaufst - und für wen nicht. Ist dir egal? Auch wenn dei¬
ne Krankenkasse weiß, dass du 2 Bier am Tag trinkst
und du deswegen einen höheren Beitrag zahlen musst?
• v
juj D i
ii
ISSSo S £§ :
IN
r\<
C Ul U t Q
VERWENDET
STRUKTUR
Oi
; EINDEUTIG '■
;;epcglobal$
! L ** 5 B£ISPIL£ x
• komponöitbiQ
^ASHTON
DINGE-
„ —, INTERNET-AHNLICHENi
BO' VIRTUELLEN^;:!
I uin m ~ -r v ir\ I
BEGRIFF O
"=:-|ilijfj-^LMEHR5
E 1 *-* IWTIMI u/ro-o I
• 5 BEZEICHNET;
2BESTEHT
:;X KEVIN
m
Wenn die Zahnbürste dem Zahnbürstenhersteller über¬
mittelt, dass du zu selten Zähne putzt und der diese
Daten an deine Krankenkasse verkauft? Du kaufst
sowieso keine Zahnbürste mit Internetzugang? Du nutzt
auch kein „Fitnessarmband“, keinen Stromzähler? Mit
dem verpflichtenden Einbau von Stromzählern, die mit
dem Netz verbunden sind, lässt sich einiges über dich
herausbekommen. Wann kommst du nach Hause, wie
oft wäscht du deine Wäsche? Oder wäscht du soviel,
dass das als Hinweis auf eine nicht bei dir gemeldete
Mitbewohnerin gewertet werden kann? Züchtest du
Pflanzen, die viel Extra-Licht brauchen? Wie oft saugst
du? Warum benutzt du die Mikrowelle, obwohl du
gerade erst auf dem Herd gekocht hast? Das lässt sich
alles aus dem Protokoll deines Stromverbrauchs analy¬
sieren. Und noch einiges mehr. Du verbrauchst keinen
Strom?
ersten Kaffee kochen lässt. Erst um 9? Gehst du nicht
arbeiten? Wie gut dass diese Info etwas Wert ist - je¬
mand wird Interesse daran haben.
Du fährst selbstverständlich nie schneller als erlaubt,
mit deinem Auto, hältst nie mal kurz im Halteverbot,
dir ist egal, dass dem Autokonzern, den Autoversiche¬
rungen und, wenn sie wollen, der Polizei immer klar ist,
wohin du fährst - und wie gut deine Fahrkünste sind?
Jede Regung zur Steuerung deines Fahrzeugs wird
gespeichert und ist übers Netz abrufbar.
Du hast ein Smartphone, eine Kaffemaschine, eine
Zahnbürste, ein Auto, einen Stromzähler, einen Ferse-
her, einen Computer...? Schöne Scheiße!
Alles was du mit dem Handy steuern oder erkennen
kannst, weiß jemand. Dein Arbeitgeber kennt deine
Pulsfrequenz? Dir doch egal. Das Jobcenter weiß, dass
deine Atemfrequenz 2 mal die Woche für 8 Stunden
hochgeht. Schwarzarbeit? Zukunftsszenario? Na gut.
Warte noch 5 Jahre. Alles kommt dir normal vor. Alles
ist smart. Dein leben kommt dir langweilig vor? Ande¬
re entscheiden über deine Zukunft. Warum wissen sie
soviel von dir?
Bei jeder Verbindung mit dem Netz werden Daten
über dich verbreitet, die Anderen was Wert sind. Dei¬
ne Daten sind eine Ware. Diese Daten dienen dazu,
dich zu kontrollieren, dich zu steuern.
Vermeide es, Dinge zu kaufen, die mit dem Netz ver¬
bunden werden können, oder sich selbst mit ihm ver¬
binden! Lass dich nicht verarschen! Offline ist cooler.
17
anonym
Dokumentation:
Facebook Deutschlandzentrale in
Hamburg „gehackt“
Ugly Facebook - FUNDAMENTAL DISLIKE //
Wir haben das „Portal“ von Facebook Deutschland
„gehackt“.
Als größere Gruppe selbst gewählter Freundinnen
haben wir gestern am frühen Samstagabend mit reich¬
lich Steinen und Farbe in der Hamburger Innenstadt
(Caffamacherreihe 7) die Glasfront der Deutschland¬
zentrale von Facebook „zerhackt“. Mit Rauch haben
wir die Cops der nur 70 Meter entfernten
Polizeiwache im Nebel gelassen.
Mark Zuckerberg ist letzte Woche mit Anfang 30 in
Elternzeit gegangen — schön für ihn. Seine weiblichen
Mitarbeiter drängt der Fa-
cebook-Chef hingegen, den
Zeitpunkt der Mutterschaft
per social freezing auf
weit nach 40 zu verschie¬
ben, um die Arbeitskraft
junger Frauen „ohne Karri¬
ereknick“ länger ausbeuten
zu können. Verpackt als
Hilfe zur Selbstbestimmung
der Frau erhöhen Facebook
und Apple als erste Arbeit¬
geber mit der „Kostenü¬
bernahme“ zum Einfrieren
der Eizellen den Druck
auf ihre Mitarbeiterinnen
zur Selbstoptimierung als
Arbeitskraft. Sie sollen
„im leistungsfähigen Alter“
nicht mehr wegen Familienplanung „ausfallen“. Aber
das nur am Rande.
Es gehört in unseren Kreisen zum guten Ton, Facebook
„eigentlich doof“ zu finden. Mit Äußerungen wie „still
not loving facebook, but ...“ tragen viele von uns ihre
„kritische“ Gesinnung dem IT-Giganten gegenüber
konsequenzlos vor sich her. Alle wissen, dass Facebook
keinerlei Privatsphäre respektiert. Es reicht, die Nut¬
zungsbedingungen zu studieren: Facebook speichert
unseren Aufenthaltsort (GPS- und netzwerkbasiert),
liest Textnachrichten und Anrufprotokolle sowie Netz¬
werk-Verbindungen, nimmt Videos, Fotos und Ton auf,
liest und verändert selbständig Kontaktdaten sowie
Kalendereinträge ohne die Nutzeren zu informieren,
liest die Einstellungen anderer Dienste auf dem Smart-
phone, greift auf andere aktive Apps zu und lädt
ohne Benachrichtigung Dateien runter, ...
Facebook analysiert unsere Vorlieben und Interes¬
sen und stellt daraus einen individuell auf uns abge¬
stimmten Nachrichtenstrom zusammen. Informations¬
technisch bewegen sich viele mittlerweile komplett
in so gefilterten Facebook-Blasen, deren Dynamik
Facebook bestimmt. Klassische, nicht personalisier¬
te, redaktionell bearbeitete und zusammengestellte
Nachrichten verlieren immer weiter an Bedeutung.
Facebook lässt immer mehr Journalistinnen direkt für
seine Plattform Nachrichten verfassen. Facebook be¬
stimmt dann, wer sie in welcher Form erhalten wird.
Du darfst dich bei uns sozial vernetzen, aber was du
zu sehen bekommst, wer und welche Mitteilung bei dir
auftaucht und wer deine wirklichen Freunde sind, das
entscheiden wir. Wer das Internet kontrolliert, kontrol¬
liert nicht nur das Wissen der Menschheit sondern
beeinflusst damit auch deren Ansichten, Vorlieben
und Gewohnheiten — alles hochgradig individuali¬
siert.
Viel zu abstrakt
Alle wissen, dass Facebooks Manipulationen von
Kommunikation komplett übergriffig sind. Einer
staatlichen Behörde würden wir niemals wider¬
standslos eine solche Lenkungsmacht einräumen.
Aber niemand kümmert sich darum, weil dies in
der Regel erst „zukünftig“ einen negativen, per¬
sönlich „spürbaren“ Effekt haben wird. Wenn der
manipulative Eingriff in unser Leben verlockend
„smart“ genug ist, will niemand ernsthaft an der
massiven Einschränkung unserer Selbstbestimmung
Anstoß nehmen. Die Entwicklung des Internet geht
deutlich schneller voran, als sich das Bewusstsein
der Menschheit für die Konsequenzen der Digitali¬
sierung herausbildet. Schon lange wird die Geschwin¬
digkeit der technologischen Entwicklung maßgeblich
mitbestimmt durch das, was die Alpha-Männer von
Amazon, Apple, Facebook, Google und anderen aus
dem Tal der Technokratie glauben, uns zumuten zu
können: „Die Unternehmenspolitik ist es bis genau an
die Grenze zu gehen, wo es den Leuten unheimlich
wird, aber nicht darüber hinaus.“, so Google-Mana¬
ger Eric Schmidt.
Facebooks Übergriffigkeit lässt sich nicht allein mit
dem an Bedeutung schwindenden Begriff der Privat¬
sphäre fassen. Der Eingriff in unsere Informations-,
Erfahrungs-, Arbeits-, Freizeit- und Gefühlswelt reicht
viel weiter. Er wird unser Leben massiv fremdbestim¬
men und vollständig neu ordnen — ohne dass eine be¬
wusste Abwägung zwischen Bereicherung und Entmün¬
digung stattfindet.
Das ist dir zu abstrakt und zu vage?
Ok - da unsere Vorstellungskraft nicht annähernd so
weit reicht, wie die jener Technokrat*innen, die aktiv
n an einer Welt arbeiten, in der nur noch tech-
P facebook
for all
j* facebook
users
made in afghanistan
180 Tbblets • comprimes I
»ELPS PREVENT NEURAL TUBE DEFECTS
iaiU ** A FREVE.NIR LES MALFORMATIONS DU TI« vlU ' 1
nologische Lösungen für gesellschaftliche Probleme
zulässig sind, verbleiben wir im Hier und Jetzt:
Bei der Anfrage auf Löschung rassistischer Postings:
„Friss Scheiße Du syrische Drecksau“ und „Gebt den
Sicherheitskräften endlich Schusswaffen und knallt
diese Pseudo-Flüchtlinge ab“ gibt sich Facebook als
Bewahrer der freien Meinungsäußerung und antwor¬
tet: „Wir haben den von Dir wegen Hassbotschaften
gemeldeten Beitrag geprüft und festgestellt, dass er
nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards verstößt.“
Dass sich Facebook hierbei nicht wirklich der Neutrali¬
tät verpflichtet fühlt, sollen im Folgenden vier Beispiele
verdeutlichen:
Verfolgung und Behinderung von Fluchthilfe
zusammen mit Europol
Im April 2015 hat der Europäische Rat beschlossen,
gegen ein „Anlocken“ von Flüchtlingen vorzugehen. Zur
Verhinderung einer Kontaktaufnahme von Flüchtenden
mit Fluchthelfer*innen hat Europol eine Kooperation
mit Facebook und Twitter begonnen. Seit dem 1. Au¬
gust sind bei der „Meldestelle für Internetinhalte“ (IRU)
innerhalb von Europol zusätzliche Stellen eingerichtet
worden, die die sozialen Medien nach Fluchthilfeak¬
tivitäten durchforsten. Werden die Mitarbeiterinnen
fündig, soll zukünftig direkt die Löschung erfolgen. Da¬
rüber hinaus soll Europol auch direkten Zugriff auf die
Tracking-Daten bei Facebook erhalten ohne diese bei
den jeweiligen Mitgliedsländern anfordern zu müssen.
Die “Meldestelle“ soll dem „Europäischen Zentrum
zur Terrorismusbekämpfung“ (ECTC) untergeordnet
werden. Das Vorhaben wurde wohlgemerkt noch vor
den Anschlägen in Paris beschlossen! Dafür braucht
es keinen Ausnahmezustand. Das ist nun europäischer
Normalzustand.
Real-Life-Experimente zur Verhaltensökonomie
Im Juni 2014 kommt raus, dass Facebook über längere
Zeit die Seiten von 700.000 Nutzer*innen psycho¬
logisch manipulierte — ohne dass die Nutzer*innen
davon wussten. Dieser Gruppe wurden vornehmlich
positive Posts ihrer Facebook-Freund*innen gezeigt.
Negative Posts erhielten ein schwächeres Ranking bzw.
wurden ganz unterdrückt. Dann wurde beobachtet
wie sich dieser algorithmische Stimmungs-Aufheller
auf das Kommunikationsverhalten der so manipu¬
lierten Nutzer*innen auswirkte — und oh Wunder: Sie
äußerten sich durchgängig positiver in ihren eigenen
Postings verglichen mit einer genauso großen Gruppe
negativ-manipulierter Nutzer*innen.
Im Guardian äußert sich eine Facebook-Sprecherin
zu dem Skandal. Ziel des Experiments sei es gewesen
“unsere Dienstleistungen zu verbessern und die Inhalte,
welche die Leute auf Facebook sehen, so relevant und
ansprechend wie möglich zu gestalten.“ Weiter sagte
sie „ein Großteil davon besteht darin zu verstehen,
wie die Nutzer auf verschiedene Arten von Inhal¬
ten reagieren, je nachdem ob sie eine positive oder
negative Tonalität haben; ob es Neuigkeiten von
ihren Freunden oder Informationen von Seiten sind,
denen sie folgen.“ Facebook mache viele derartiger
Verhaltensexperimente und außerdem seien diese
Experimente, in die die Nutzer*innen ohne ihr Wissen
involviert werden, durch die Nutzungsbedingungen
abgedeckt.
Wie weit die gezielte Beeinflussung von Unzufrieden¬
heit bei Facebook jenseits von „Experimenten“ zur Ver¬
haltensbeeinflussung geht, zeigt sich nur zwei Monate
später:
Informationeile Aufstandsunterdrückung
Am 9. August 2014 wurde in Ferguson der 18-jäh¬
rige Michael Brown bei einer Polizeikontrolle erschos¬
sen. Eine Polizeistreife hielt ihn an, weil er es wagte,
auf der Straße statt auf dem Bürgersteig zu laufen.
Während der Diskussion löste sich ein Schuss aus
dem Streifenwagen. Brown floh und wurde dabei von
einem Polizisten von hinten erschossen. Michael Brown
war unbewaffnet und er war schwarz.
Bereits am nächsten Tag versammelten sich die
schwarzen Bürgerinnen der Stadt zur Mahnwache,
der sich 1 50 Polizisten in gepanzerter Montur entge¬
gen stellten. Die Stimmung heizte sich auf, die Lage
geriet außer Kontrolle, es kam zu Straßenschlachten
und Plünderungen. Am 1 1. und 1 2. August setzte die
Polizei Panzerfahrzeuge, Blendgranaten, Rauchbom¬
ben, Tränengas sowie Gummigeschosse gegen die
aufgebrachte Menge ein. Die Bilder von der martia¬
lischen Aufstandsbekämpfung gingen weltweit durch
die Medien und natürlich auch durch die sozialen
Medien. Aber nicht durch alle sozialen Netzwerke
gleichermaßen.
Zeynep Tufekci, Dozentin an der Uni in North Carolina,
untersucht die politische Macht durch algorithmische
Nachrichtenfilterung. In einem Beitrag auf dem Blog-
gingportal Medium konstatiert sie, dass in ihrem Face-
book-Stream Ferguson kaum auftauchte, während es
auf Twitter beinahe kein anderes Thema gab. Das lag
19
Widerstand digital + analog = real
aber nicht daran, dass die Leute auf Facebook nichts
dazu schrieben.
Der Edgerank-Algorithmus, der laut Facebook die
Neuigkeiten nach personalisierter Relevanz aufbe¬
reitet, schien das Thema einfach herausgefiltert zu
haben.
Gezielte Manipulation in Kooperation mit der NSA
Im April 2015 erfuhren wir aus dem Fundus der Snow-
den-Dokumente, dass Facebook im Auftrag der US-
Regierung regierungskritische Veranstaltungs-Infos und
Direktnachrichten zwischen Facebook-Nutzer*innen
manipuliert, um Demonstrationen zu verhindern. Nach
dem Aufflammen der Occupy Wall Street Proteste
im Herbst 201 1 weiteten Facebook und NSA ihre
gemeinsame „Operation SPORA“ zur Manipulation
solcher Nachrichten aus.
Aus den Dokumenten geht hervor, dass SPORA Mit¬
teilungen zu Demonstrationen und Flashmobs nicht
einfach nur verschluckt oder verspätet sendet, sondern
Orte und Zeiten dieser Verabredungen manipuliert.
Das betrifft sowohl Facebook-“Veranstal-
tungen“ als auch Direktnachrichten. Mes-
senger-Apps und Webseiten zeigen zur V
Zerstreuung dann unterschiedliche Daten tK
an. \C
Die Entwicklung der Manipulationssoft-
wäre läuft als NSA-Kooperation mit einem y~^ 1'
kleinen Team bei Facebook. Angewendet VscA.
wird die Software von allen Geheim-
diensten der „Five Eyes“-Allianz auch auf
weitere Plattformen, darunter WhatsApp
und Google Hangout. Ein Beispiel, das zeigt, wie irre¬
levant eine Unterscheidung von privat-ökonomischen
Erfassungs- und Lenkungsabsichten der Digitalelite
gegenüber der rein repressiven Intervention durch
Geheimdienste und Behörden ist.
Facebook und die Bewegungslinke
Was, wenn Facebook in Augenblicken aufquellender
sozialrevolutionärer Dynamik seine Dienste in noch
viel stärkerem Maße gegen uns wendet bzw. selektiv
ganz verweigert? Wollen wir uns erst dann eigene,
unabhängige Techniken der Wissensverbreitung und
Kommunikation aneignen?
Es ist schon erstaunlich genug, dass auch der auto¬
nomen Bewegung die Bequemlichkeit einer Kommu¬
nikationsplattform und die gefühlte informationelle
Mainstream-Zugehörigkeit wichtiger erscheint als ihre
Autonomie, aber dass wir aktiv via Facebook der
Repression zuarbeiten, das geht uns dann hoffentlich
doch zu weit! Oder nehmen wir die über Facebook
vermittelte Behörden-Kooperation und Unterwande¬
rung linker Widerstandsbewegungen hin, während wir
als Anna und Artur weiterhin lautstark jede „direkte“
Zusammenarbeit mit Verfolgungsbehörden für undenk¬
bar erklären?
Das erscheint uns wenig glaubwürdig und vor allem
wenig sinnvoll.
facebook
Es regt sich Widerstand - selbst gegen Facebook!
„Zuck off“ wird dem Facebook-Chef Zuckerberg
in Indien entgegen gerufen. Dort kämpfen aktuell
Aktivistinnen mit viel öffentlicher Unterstützung gegen
Facebooks Projekt internet.org, mit dem Facebook
auch in entlegeneren Gegenden den Armen ein „ko¬
stenfreies“ Netz zur Verfügung stellen will. Stein des
Anstoßes: Facebook lässt in diesem „gemeinnützigen
Netz für alle“ nur 35 Webseiten sichtbar werden
— Facebook an erster Stelle. Der Zugang zum Rest
der (Netz-)Welt bleibt versperrt. Mark Zuckerberg
reagiert zynisch, pragmatisch, großkotzig auf den
Vorwurf der Zensur und Lenkung: „Lieber ein bisschen
Internet als gar keines.“
Der Widerstand gegen diese zugespitzte Form der
Netz-Nicht-Neutralität ist nicht spurlos geblieben. Vier
der von Mark Zuckerberg auserwählten Anbieter, da¬
runter die Times of India haben sich bereits aus dem
Facebook-Projekt zurückgezogen, da sie den Vorwurf
der Teilhabe an „wirtschaftlichem
Rassismus“ und „Landnahme“ (land-
^ grab) nicht auf sich sitzen lassen
wollten.
Aber macht ein symbolischer,
L "^ / nicht-digitaler Angriff auf einen
Giganten der vermeintlich digi¬
talen Welt wirklich Sinn? Ja, macht
er — die Unternehmensführung von
Google war empfindlich getroffen,
als Gentrifizierungsgegnerinnen
die Google-Busse stoppten und angriffen: Öffentlich
wahrnehmbarer Protest gegen den astronomischen
Anstieg der Wohnkosten im Umkreis der Haltestel¬
len dieser Shuttle-Busse, die jeden Morgen Tausende
Google-Mitarbeiter*innen aus der Umgebung von
San Francisco zum Unternehmenssitz im Silicon Valley
bringen. Darauf folgende Demonstrationen zwan¬
gen Google sogar ein konkretes Bauvorhaben in San
Francisco fallen zu lassen. Auch Googles erste Ver¬
sion der Datenbrille glasses ist maßgeblich an der
breiten öffentlichen Wirkung der Kampagne ihrer
Gegnerinnen gescheitert und wieder vom Markt
genommen worden. Aktivistinnen in den USA hatten
Datenbrillenträgerinnen als glassholes diffamiert
und ihnen teils handgreiflich die Brille von der Nase
geholt. In vielen angesagten Kneipen und Clubs hatten
glassholes daraufhin Hausverbot.
Eine eintägige militante Autobahnblockade in unmittel¬
barer Flughafennähe der Taxifahrerinnen gegen die
Taxi-App Uber in Paris hat den letzten Ausschlag zu
deren Verbot in Frankreich gegeben.
Anfang letzten Monats haben Aktivistinnen das
Headquarter von Airbnb in San Francisco besetzt,
quasi um die Kämpfe für bezahlbaren Wohnraum an
den Ort zu tragen, der in wachsendem Ausmaß für
Zwangsräumung und Vertreibung mitverantwortlich
Join the real-life-hacking-team
Wir sehen die Notwendigkeit, uns gegen die digitale
Kontrolle und den Versuch der Übernahme unseres Le¬
bens aktiv zu wehren aber auch darüber hinaus gegen
dieses System und seine Geschäftspartner vorzuge¬
hen. Eine Rebellion gegen diese Welt wird nicht durch
die Reform des Internets stattfinden.
- Komm raus aus der entmündigenden Enge der
Fremdbestimmung
- Facebook, Google, Apple, Amazon and friends
vom Netz nehmen
- Beteilige Dich am Gegenangriff sowie am Aufbau
von Alternativen
- „Das Netz ist kaputt“ - Mach neu !
- Für eine freie, unabhängige Kommunikation
- Für die Autonomie
- Gegen jede Herrschaft
Hackers unite and take over -
ob digital oder analog - we stay anonymous
PS: If you LIKE our action, don‘t share it on facebook
If you DISLIKE or don‘t know what this is all about, you
will probably do so anyway.
Das „Netz“ begreifen - in aller Kürze
Das Netz begreifen wir als materielle Infrastruktur der
informationellen Vernetzung. Diese umfasst die Hard¬
ware der Verkabelung, der Router und der Rechen¬
zentren an zentralen Netzwerkknoten, aber auch die
Software zur Steuerung und zur staatlichen+privatwir
tschaftlichen Ausleitung, Speicherung und Analyse der
Datenströme. „Die Cloud“, also den von verschiedenen
Betreibern angebotenen Festplattenplatz zählen wir
inklusive der Verarbeitung der dort abgelegten Daten
ebenfalls zum Netz.
informationeilen Zugriff auf uns. Das Ergebnis dieser
ständigen Rückkopplung: Unsere persönliche Informa¬
tions-Filterblase passt sich dynamisch an.
Die stabile Selbstregulierung dieses Systems funkti¬
oniert um so besser, je engmaschiger die Erfassung
unserer Interaktionen im Alltag erfolgt — also je umfas¬
sender unsere Tätigkeiten sowie die uns umgebenden
Alltagsgegenstände in dieses Mess- und Steuer-Netz
eingebunden sind.
Wesentlich für unser Verständnis vom Netz in seiner
aktuellen Verfasstheit ist folgende These:
1. Ausbau und Betrieb des Netzes
(Hardware+Software) sind mittlerweile untrennbar!
eingebunden in eine kapitalistische Ideologie der
Vernetzung, dem zwangsweise freiwilligen „Einwe¬
ben“ von allem und allen in ein Netz der vollständigen
Erfassung.
Diese Erfassung ist mehr als „nur“ Ausdruck eines
Kontrollwahns, sondern viel weiter gehendes Instru¬
ment alltäglicher Steuerung und Lenkung: Wer erhält
welche Information? — realisiert über hochgradig
individualisierte „Filterblasen“, in denen sich jede von
uns bewegt: Wir bekommen bei Facebook, Google,
Apple, Amazon und Co von Algorithmen perfekt „auf
unsere Bedürfnisse“ zugeschnittene Informationen.
Unser Konsum dieser Informationen und unsere
Reaktion darauf, also unsere „Kommunikation“ im
erweiterten Sinne dieses Netzes (soziale+mediale
Interaktion, Arbeits-, Freizeit-, Einkaufs- und Bewe¬
gungsverhalten) wird ebenfalls erfasst und in die
Algorithmen eingespeist. Dies ergibt einen stetig
rückgekoppelten Informationsfluss in lauter Mess- und
Steuerkreisen — als kleinste Bestandteile in einem
komplexen, sich selbst regulierenden (kyberne¬
tischen) System. Die Algorithmen bestimmen die Rah¬
menbedingungen dieser Selbstregulierung, sie sind
das Regelwerk für das Messen und Steuern, für den
In diesem Sinne trägt das Always-On unserer Smart-
Phones, die Erschließung bislang unvernetzter Regi¬
onen, die Etablierung von SmartHome, SmartCars,
SmartCities und smarter Bezahlsysteme zur Verfeine¬
rung und damit zur Stabilisierung dieses kapitalistisch¬
kybernetischen Netzes bei.
2. Unserer Überzeugung nach lässt sich keine sinnvoll
Kapitalismuskritik ohne eine grundsätzliche Technolo¬
giekritik formulieren. Antikapitalistische Bewegungen
können „das Netz“ nicht mehr als vermeintlich „neu¬
trale Infrastruktur“ begreifen, sie müssen das Projekt
der „Vernetzung von jedem und allem“ praktisch und
ideologisch angreifen.
anonym
PAS IST JETZT ABER GANZ
UNGÜNSTIG. WIR FEIERN
6ERAPE UNSEREN
FRIEPENSNPBEEPREIS.
21
Kundgebung in Solidarität mit den
Opfern des islamistischen Terrors
Am Sonntag haben in Dresden einige Antifaschist-
innen und Antirassist_innen den Opfern des islami¬
stischen Terrors in Frankreich und weltweit gedacht.
Anders als Pegida, die islamischen Fundamenta¬
lismus mit Rassismus beantworten, kritisierte der
Redebeitrag auf der Kundgebung den Islamismus in
Zusammenhang mit Patriarchat, Imperialismus und
Antisemitismus.
„Wir haben uns hier versammelt um
an die Opfer des islamistischen Ter¬
rors in Frankreich und überall auf
der Welt zu denken. Der Terror ist
ein Angriff auf die Sicherheit und
das Leben vieler Menschen und auf
die Aussicht auf ein besseres Leben
und auf Emanzipation. Wir solida¬
risieren uns mit jenen, die in Rojava
und andernorts den Islamischen
Staat bekämpfen. Unsere Antwort
auf den Terror ist nicht Rassismus
und Ausgrenzung, unsere Antwort ist Solidarität.
Wer von Islamismus redet, darf vom Patriarchat
nicht schweigen. Der islamische Fundamentalismus
basiert auf der Unterdrückung der Frauen. Islamist_
innen wollen Frauen beherrschen und beuten sie aus
und sie verfolgen und foltern Homosexuelle. Wer
von Islamismus redet, muss vom Patriarchat sprechen
und nicht von einer halluzinierten „Genderisierung“.
Unsere Antwort auf den islamistischen Terror heißt
Feminismus.
Wer von Islamismus redet, darf von Antisemitismus
nicht schweigen. Islamistischer Terror richtet sich ge¬
gen Jüdinnen und Juden weltweit sowie gegen den
Staat Israel. Islamist_innen reden vom Krieg gegen
den imperialen Westen, dabei haben sie selbst im¬
perialistischer Ziele. Der Hass gegen Moderne und
Emanzipation richtet sich im islamistischen wie im
völkischen Antisemitismus gegen Jüdinnen und Juden.
Daher: Wer von Islamismus redet, muss vom Antise¬
mitismus und Verschwörungsideologien sprechen und
nicht gegen eine vermeintliche Lügenpresse hetzen.
Wir antworten auf den islamistischen Terror mit Anti¬
faschismus.
Wer vom is¬
lamistischen
Terror redet,
soll nicht
schweigen
von den
Opfern: Wir
sind in Ge¬
danken bei
den Opfern
von Hamas,
Boko Haram,
Hisbollah und des Islamischen Staats. Die meisten
Opfer von islamischen Fundamantalist_innen sind
keine weißen Europäer_innen. Deswegen denken
wir an die Menschen in Frankreich, in Afghanistan,
in Syrien, Rojava, in Nigeria und überall sonst. Wir
solidarisieren uns mit allen Menschen, die vor religi¬
ösem Terror und aus anderen Gründen flüchten. Wer
vom islamistischen Terror redet, darf nicht rassistisch
gegen Geflüchtete hetzen. Wir antworten auf den
Islamismus mit politischer Solidarität mit den Ge¬
flüchteten. Kein Mensch ist illegal.“
Antifaschist*innen aus Dresden
Weder ihren Krieg, noch ihren Frieden!
„Wir müssen die Feinde der Republik vernichten... und
jene der Nationalität entheben, die den französischen
Geist verspotten.“
Manuels Valls, Premierminister
14. November 2015
Wenn man der französischen Republik eine gewisse
Kontinuität anerkennen muss, dann ist das wohl jene
der Massenmorde. Vom Staatsterror von 1793-94,
der eben dem Wort Terrorismus Ursprung gab, bis
zur Niederschlagung der Aufständischen von 1 848
und derjenigen der Kommune von 1871; von der
Kolonisation oder der Deportation der Juden, welche
durch frühere Karteien erlaubt war, bis zum Massaker
von algerischen Demonstranten 1961 mitten im Her¬
zen von Paris: alle französischen Republiken haben
ohne Nachsicht massakriert, damit die Machthaber
weiter alle beherrschen und ausbeuten. Die franzö¬
sische Republik ist ein Leichenberg, deren Unrat, der
ihre Spitze bildet, sich nur halten konnte, indem er ihre
wahren Feinde zerschlug, die Revoltierenden und die
Revolutionäre, welche für eine Welt der Gerechtigkeit
und der Freiheit kämpften. Der "französische Geist”,
wenn solch ein unsäglicher Blödsinn jemals existieren
könnte, wäre ein zum Zerbersten volles Schild mit nach
Rache schreienden Stimmen gegen die Bürgerlichen,
die Politiker, die Bullen, die Soldaten und die Priester,
die sie mit den Füssen getreten haben, um ihre Macht
zu festigen.
Ach, aber das ist doch alles Vergangenheit. Nicht?
Haben etwa Jahrzehnte der Bürgerbeteiligung, der
Warenintegration und der generalisierten Enteignung
diejenigen, die noch eine Spur von Sensibilität bewah¬
ren, wirklich vergessen lassen, dass in die Menge zu
schiessen nicht eine Exklusivität von fernen Terroristen
ist? Dass der französische Staat seit einigen Jahren
sein grosses Comeback auf der internationalen Büh¬
ne des staatlichen Terrorismus gehabt hat, indem er
seine militärischen Angriffe in allen Ecken des Planeten
multiplizierte (Libyen,
Mali, Afghanistan,
Elfenbeinküste, So¬
malia, Zentralafrika,
Irak, Syrien)? Der
Vorwand ändert sich
jedes Mal, aber die
Gründe bleiben dieselben: die Kontrolle über strate¬
gische Ressourcen wahren, neue Märkte und Einfluss¬
zonen erschliessen, seine Interessen gegenüber seinen
Konkurrenten schützen, vermeiden, dass Aufstände sich
in Experimente von Freiheit verwandeln. Und falls es
noch nötig war, so wurden sogar Warnungen lanciert,
um den Schläfrigen verständlich zu machen, dass diese
Kriegslogik keine territorialen Grenzen kennen wird:
der Tod von einem Demonstranten im vergangenen
Jahr in Sivens oder die von Splittern durchbohrten
Körper von denjenigen von Notre-Dame-des-Landes
und von Montabot rufen in Erinnerung, dass man, auch
hier, nicht zögert, kakibraune Angriffsgranaten gegen
Mengen zu werfen, um Terror zu sähen.
Denn was ist der Terrorismus, wenn nicht, unterschieds¬
los in die Menge zu schlagen, um zu versuchen, die
Macht zu bewahren oder zu erobern? So ähnlich wie
es die Reichen tun, indem sie tagtäglich Millionen von
Menschen bei der Arbeit töten und verstümmeln im
Namen der Kohle, die sie aus ihrer Ausbeutung ziehen.
So ähnlich wie es die Industriellen und ihre Lakaien in
den weissen Hemden tun, indem sie nachhaltig alles
Leben auf der Erde vergiften. So ähnlich wie alle
Staaten, die die Ausgeschlossenen aus ihrem Waren¬
paradies und die Rebellierenden gegen ihre Gesetze
einsperren und auf kleiner Flamme foltern, indem sie
sie während Jahren zwischen vier Mauern einschlies-
sen. So ähnlich wie jene grrrossen Demokratien, die
das Mittelmeer in einen Friedhof verwandelt haben,
der von Tausenden von Unerwünschten bevölkert wird,
die das Verschulden hatten, nicht über den geeigneten
kleinen Fetzen Papier zu verfügen. Aber das ist, was
der Frieden des Staates und des Kapitalismus kostet.
Der Frieden der Mächtigen ist der Krieg gegen die
Beherrschten, innerhalb wie ausserhalb seiner Gren¬
zen.
Am 1 3. November in Paris wurden die Regeln des
Spiels respektiert. Ob er sich nun islamisch nennt oder
Republik, Kalifat oder Demokratie, ein Staat bleibt ein
Staat, das heisst eine autoritäre Macht, deren mas¬
senhafte Gewalt gegen all jene eingesetzt wird, die
sich seinem obersten Befehl nicht unterwerfen. Eines
der Prinzipien von jedem Staat ist es, nur Untertanen
anzuerkennen. Untertanen, welche Gesetzen gehor¬
chen müssen, die von oben diktiert werden, das heisst,
das völlige Gegenteil von freien Individuen, die sich
ohne Geführte noch Führer selbst-organisieren können.
Von den Bombardierungen von Dresden und Hiroshi¬
ma bis zu den Dörfern von Vietnam, die dem Napalm
unterzogen wurden, oder jenen von Syrien unter den
TNT-Fässern: die Staaten haben in ihren schmutzigen
Kriegen nie gezögert, einen Teil ihrer eigenen Bevöl¬
kerung, oder jene ihrer Konkurrenten zu opfern. Indem
sie wahllos auf Pariser Passanten schossen, um deren
Staat zu bestrafen, haben die kleinen Soldaten von
Daesch nichts anderes getan, als die erbarmungslose
Logik ihrer Gegner zu reproduzieren. Eine schreckliche
Logik, so schrecklich, wie jede staatliche Macht es sein
kann.
Der Ausnahmezustand, der in Frankreich seit gestern
verhängt wurde, als interne Kriegsmassnahme von
einer Regierung, die das Land in Adäquanz mit seiner
internationalen Terrorismuspolitik bringt, ist nur ein
Schritt mehr in der grundlegenden Praxis von jeder
Regierung, auf die gezwungene Normalisierung des
Lebens, auf seine institutioneile Kodifizierung, auf
seine technologische Stan¬
dardisierung abzielend.
Denn, wenn der Staat in
die Zukunft schaut, was
s ' e ht er? Wirtschaftliche
; I Zusammenbrüche, Mas-
I senarbeitslosigkeit, eine
Erschöpfung der Ressour¬
cen, internationale militärische Konflikte, Bürgerkriege,
ökologische Katastrophen, Bevölkerungsexodusse...
Er sieht kurzum eine Welt, die immer instabiler wird,
worin die Armen immer zahlreicher und konzentrierter
werden, eine Welt, die vor Verzweiflung schwitzt,
die sich in ein enormes Pulverfass verwandelt, aller
Art von Spannungen ausgeliefert (soziale, identitäre,
religiöse). Eine Welt, worin die Entzündung des gering¬
sten Funkens, was auch immer er sei, von einer immer
totalitäreren Demokratie nicht toleriert werden darf.
Dann bedeutet der „Krieg gegen den Terrorismus“,
ebenso wie „Bürger“ ein anderes Wort für „Bulle“ ist,
vor allem Krieg gegen all diejenigen, welche die Rän¬
ge der Macht durchbrechen. An alle, welche sich der
sozialen Befriedung nicht unterwerfen, an alle, welche
den Kriegen zwischen Mächtigen und Autoritären de¬
sertieren, sabotieren wir die nationale Einheit...
Ein schlechter Untertan,
Feind der Republik und aller Staaten
Paris, 14. November 2015
23
Unsere schönen tollen Gesellschaften
Nach dem Attentat von Paris:
Hört auf, euch in ein „Wir“ zwängen zu lassen, dem ihr gar nicht angehört.
Es wurden empörend viele dumme Texte in einer
erstaunlich raschen Abfolge produziert, nachdem
eine Zelle des „Islamischen Staates“ (IS) in Paris über
1 00 Zivilistinnen tötete. Die meisten dieser Dokumente
fortschreitender Verblödung müsste man nicht einmal
kommentieren, wenn sie nicht trauriger Weise sogar
funktionieren würden. „Funktionieren“ tun sie, weil sie
gar nicht geschrieben sind, um einen wie auch immer
gearteten Erkenntnisgewinn zu produzieren. Vielmehr
wollen sie die nun panisch vor Angst nach Halt suchen¬
den Monaden der kapitalistischen Metropolen gerne
einfangen und in ein Kollektiv pressen, das — je nach
Schreiberling — ganz eigene Zwecke erfüllt.
Eine oberflächlich be¬
trachtet harmlose Variante
dieses Versuchs, präsen¬
tiert uns die Guardian-Au¬
torin Suzanne Moore. Sie
hat endlich alles durch¬
schaut. Der „Islamische
Staat“ hat es auf unseren
„Joy“, unsere Lebensfreu¬
de und unseren Spaß,
abgesehen. „Die Angrei¬
fer von Paris können die
eine Sache, die sie am meisten hassen, nicht umbrin¬
gen: Den Spaß.“ Die liebenswert blöde Moore weiß
sodann auch schon, wie der „Widerstand“ zu organi¬
sieren ist. Am Tag nach dem Attentat war sie nämlich
Kuchenessen mit ihrer Familie. Sicher, so viel kann auch
sie verstehen, durch „Kuchen alleine“ werden sie nicht
besiegt, die bärtigen Spaßverderber. „Aber ich denke
schon, dass gutes Leben eine Form des Widerstands ist
und Paris das am besten von allen Orten verkörpert.“
Nimmt man der Erklärung ihre kindische Ausformu¬
lierung ist sie eine der gängigen: „Wir“ haben eine
supertollen Lebensstil, der von „Liebe und Leben“
(Moore) geprägt ist, und das können die Terroristen
halt einfach nicht ertragen, weil die mögen lieber den
Tod. Das Problem an dieser Erklärung ist: Das „Wir“
mit dem supertollen Lebensstil existiert nicht. Und das
ist etwas, dass sich in Paris wirklich gut darstellen lässt.
Denn während die „award winning“ Guardian-Ko-
lumnistin ihren Kuchen frisst, sitzt man in den Banllieus
schon an der ganz dünnen Wassersuppe. Ob die
„Kritik“ Moores an der Todesliebe der Dschihadisten
zutrifft oder nicht: Das vermeintlich klassenlose „Wir“,
das im „Westen“ ein so gutes Leben führt und das sie
gerne verteidigen will, existiert so nicht.
Die politisch dezidiertere Form dieses „Wir“ findet
sich dann auch bei jenen Autor_innen, die uns gerne
für dieses „Wir“ nicht an den Kuchen, sondern zu
den Waffen rufen wollen. Bei Julian Reichelt von der
Bild etwa. Ob man jemanden, dessen „Kommentare“
grade mal die Länge einer SMS haben, Journalisten
nennen kann, ist unklar, aber wenn er einer ist, dann
ruft „uns“ dieser Journalist auf: „Die Wahrheit ist
unbequem: Der Kampf gegen ISIS erfordert Opferbe¬
reitschaft.“ Opferbereitschaft für „unsere Gesellschaft
in ihren weltoffenen und freiheitsliebenden Grundfe¬
sten“. U serious? Die weltoffene „Festung Europa“, an
deren Weltoffenheit jährlich tausende zerschellen?
Das „freiheitsliebende“ Europa, in dem Millionen von
working oder non-working poor die Freiheit genießen,
nicht zu wissen, wie man nächste
Woche über die Runde kommt?
Ihr eigenes „Wir“ wollen uns
nun auch die Rattenfänger von
„Identitären“ über Front Natio¬
nal bis Pegida ans Herz legen.
In dieser vom rechtliberalen
Mainstream zwar verschie¬
denen, aber nicht grundsätz¬
lich anderen Version des nun
zu verteidigenden „Wir“ sind
„wir“ vor allem die, die nicht
islamisch sind. „Was nun vonnöten ist, ist die Betonung
der Werte von Souveränität, Leitkultur, Staat, Nati¬
on und Familie, verbunden mit einer entsprechenden
konkreten politischen Praxis der Grenzschließung und
Remigration“, heißt es in einem Debattenbeitrag der
Identitären.
Das Gros der bürgerlichen Autor_innen ist bemüht,
eine einfache Dichothomie aufzumachen. Hier ein
„Wir“, dem der Multimilliardär genauso angehört wie
der darbende Habenichts, der Massenmörder Oberst
Klein genauso wie der Hippie-Friedensaktivist, der
Flüchtlingshelfer genauso wie Markus Söder. Und dort
die anderen, die dieses entweder als „Nation“ oder
„Europa“ oder „westliche Wertegemeinschaft“ be¬
stimmte „Wir“ gefährdet.
Dabei gerät aus dem Blick, dass der „Islamische
Staat“ nicht das völlig Andere ist, das aus einem nicht
bestimmbaren Außen auf die kapitalistische Moderne
kam. „Der IS stellt somit gewissermaßen ein Neben¬
produkt der krisenhaften kapitalistischen Globalisie¬
rung dar. Hierbei handelt es sich gerade nicht um eine
autochthone, traditionalistische und aus den regionalen
Sippenverbänden und ,Stämmen 1 hervorgegangene
Aufstandsbewegung, sondern um eine im höchsten
Maße globalisierte Besatzungsarmee, die sich in den
sozioökonomischen und politischen Zusammenbruchs-
regionen des Zweistromlandes konstituierte. [...] In
der barbarischen Gegenwart islamistischer Ideologie
und Praxis findet der kapitalistisch-liberale Westen
somit die Echos seiner eigenen blutgetränkten Vergan¬
genheit. Mehr
noch: Der bar¬
barische Kern
kapitalistischer
Vergesellschaf¬
tung kommt im
extremistischen
Islamismus wie
im Rechtsex¬
tremismus zum
Vorschein. [...] Der Islamismus ist somit — genauso wie
der Rechtsextremismus — ein Produkt der Weltkrise des
Kapitals“, schreib Tomasz Konicz bereits vor einiger
Zeit.
Das „Wir“, in das wir als Menschen, die ein Interesse
an der Überwindung von Kapitalismus genauso haben,
wie eines an der Zerschlagung des IS kann weder
das von Francoise Hollande, noch dass von Abu Bakr
al-Baghdadi sein. Das „Wir“, das wir brauchen, ist
eines, das wir selber zu schaffen haben, und in dem
kurdische Guerilleras, rebellierende Jugendliche in
den Vorstädten, fabriksbesetzende Arbeiterinnen
in Griechenland und LGTB-Aktivist_innen aus der
Türkei Vorkommen. Generell gilt: Wollen dir ein Julian
Reichelt oder ein Markus Söder erklären, es gebe
irgendein relevantes „Wir“, das dich mit ihm zusam¬
menschließt, lauf. Lauf weit und schnell.
Von Fally McDirly
llower dass magazine
Charlie Hebdo 2.0
Kritik an den Anschlägen in Paris und an der Trauer- und Kriegsmaschinerie derer,
die nicht Opfer der Anschläge waren
Die Massaker, die am 14. November 2015 in Paris
verübt wurden, sollen laut »gut informierter Kreise< ein
Racheakt auf Blutbäder und Zerstörungen in ara¬
bischen Ländern (Irak, Syrien, Afghanistan) sein, an
denen sich westliche Staaten, insbesondere die fran¬
zösische Außenpolitik beteiligt haben und fortlaufend
beteiligen. Sollte dieses Motiv stimmen, dann muss
man eines ganz deutlich sagen: Das Blutbad, das man
während eines Konzertes im >Club Bataclan< anrich¬
tete, die Ermordung von Besucherinnen eines Cafes
haben nicht die politisch und militärisch Verantwort¬
lichen getroffen. Im Gegenteil: Man brachte jene in
Frankreich (und in Europa) wieder zusammen, die im
Alltag so viel gemein haben wie die Bewohnerinnen
der Banlieues mit denen im ersten Arrondissement in
Paris.
Nicht anders ist der Mordanschlag auf die Satire¬
zeitung >Charlie Hebdo< im Januar dieses Jahres zu
werten, wenn man »Außenseiten des französischen
Kulturbetriebes ins Zentrum einer blutigen Kritik rückt,
die sich für Religions — und Gotteslästerungen rächen
wollte.
In beiden Fällen wiederholen die Täter in Paris etwas,
was in Syrien, im Irak und in Libyen Alltag geworden
ist: Sie spiegeln denen, die von den Moslems, von den
Islamisten reden, was es heißt, von den Franzosen zu
reden. Das ist nicht aufklärerisch, sondern reaktionär.
Gänzlich gleich geblieben ist die Trauer- und Kriegs¬
maschinerie, die gut aufeinander abgestimmt nach
den Anschlägen in Gang gesetzt wurde, wobei man
jetzt allen Ernstes behauptet, man sei im Krieg. Mit
diesem erwünschten Kriegszustand wird nun all das
gerechtfertigt und umgesetzt, was man schon lange
gewollt hat und womit dieser Terroranschlag nichts
zu tun hat: Man will noch mehr Krieg (außerhalb von
Europa), man will noch mehr Polizei, noch mehr Solda¬
ten, noch mehr Überwachung, noch mehr von dem, was
man vor dem Islamismus schützen will. Ganz besonders
zynisch wird es, wenn die Geheimdienste aus den
USA, England und Deutschland gemeinsam die Kritiker
ermahnen, endlich ganz still zu sein, damit sie wieder
ungehindert ihrer Arbeit nachgehen können.
Nun wird einmal mehr eine Einheit beschworen, vor
der man sich nur gruseln kann: Sozialisten, Nationa¬
listen und Neofaschisten (Le Pen) wetteifern darum,
die »Freiheit zu verteidigen. So schlägt Le Pen genüss¬
lich vor, alle >lslamisten< zu verhaften, den als »Ge¬
fährderl eingestuften Verdächtigen elektronische Fuss-
fesseln anzulegen. Anstatt solche Vorschläge empört
zurückzuweisen, zeigt sich der »Sozialist! Mitterand
geneigt, diese Vorschläge zu prüfen. Wenn das irgend
etwas, auch nur im entferntesten mit Sozialismus zu tun
hat, dann kann man dem Propheten auch ins Paradies
folgen.
Und wieder und wieder fragt man sich: Was hat das
alles mit dem Krieg gegen den Islamismus zu tun? Wer
verteidigt wo was?
Es lohnt sich, noch einmal an das zu erinnern, was dem
Mordanschlag im Januar 2015 folgte.
Am 7. Januar 2015 ereignete sich in Paris ein An¬
schlag auf die Satirezeitschrift »Charlie Hebdol,
bei dem elf Menschen ermordet wurden. Zwei Tage
später stürmte ein weiterer Attentäter einen koscheren
Supermarkt im Osten von Paris, tötete einige Kunden
und nahm die anderen als Geisel. In einem Telefonan¬
ruf stellte er die Tat in Verbindung mit dem Anschlag
auf »Charlie Hebdo« und forderte: >Frankreich soll
alle seine Truppen aus sämtlichen muslimischen Län¬
dern abziehen<.
Ziemlich schnell stand das Fazit fest: Der Islamische
Staat/IS führt seinen Krieg im Namen des Koran und
des Propheten Mohammed im Nahen Osten (Syrien,
Irak) und trägt ihn nun auch nach Europa. Auch nach
innen hatte man eine Botschaft: Dieser
mörderische Angriff sei ein gemeiner
Anschlag auf die Presse- und Mei¬
nungsfreiheit, die es jetzt gemeinsam
zu verteidigen gelte, ob arm oder
reich, oben oder unten, rechts oder
links.
Damit wurde innenpolitisch ein »nati¬
onaler Konsens< imaginiert, der auch
in Frankreich seit Jahren zerbrochen,
zerschlissen und aufgebraucht war und
ist - und gerade deshalb umso hef¬
tiger beschworen werden muss.
Die Süddeutsche Zeitung hatte den
Mordanschlag unverkrampft ungeniert
eingeordnet: Jetzt gelte es, die »Gunst
der schrecklichen Stunde« zu nutzen.
Alle zusammen gegen den Islamis¬
mus?
»Das religiöse Elend ist in einem der
Ausdruck des wirklichen Elends und
in einem die Protestation gegen das
wirkliche Elend. (...) Die Kritik der Religion ist also
im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligen¬
schein die Religion ist.« (Karl Marx, MEW 1, S.378)
Nach dem mörderischen Anschlag auf die Satirezeit¬
schrift »Charlie Hebdo< wurde die Debatte über den
Islam in allen Medien neu aufgelegt: Welche Rolle
spielt der Islam bei der Rechtfertigung von Terroran¬
schlägen? Wird bei einem Anschlag der Islam miss¬
braucht, wenn die Attentäter als Zeuge und Beistand
»Allah ist größt rufen?
Islamexpertinnen bevölkern einmal mehr die Talk¬
shows. Es geht wieder und wieder um die Fragen:
Gibt es einen moderaten Islam und einen zur Gewalt
aufrufenden Islam? Haben die Anschläge etwas mit
dem Islam zu tun oder mit anderen, sprich lebenswelt¬
lichen Ursachen? Und ganz viel wird vermessen und
gestritten, wo die Grenze zwischen dem Islam, gegen
den wir nichts haben, und dem Islamismus, den es
noch energischer und entscheiden zu bekämpfen gibt,
verläuft?
Von Regierung, Thinktanks und von den Medien wird
uns gesagt, dass der Kampf gegen den (gewaltbe¬
reiten/fanatischen) Islamismus keine Kriegserklärung
gegen den Islam sei. Schließlich habe man nichts ge¬
gen Religionen, auch nichts gegen den Islam, solange
unter diesem Himmel ein Bett steht, in dem der Westen
genug Platz hat.
Zu dieser Selbstverortung werden seitdem erneut und
wiederholt alle muslimischen Verbände aufgerufen,
sich auf die richtige Seite zu stellen. Sie sollen sich
wieder deutlich und glaubhaft vom Islamismus di¬
stanzieren. Sie sollten nicht nur Bekenntnisse zu diesem
Staat und seiner Verfassung abgeben, sondern auch
Zeugnis ablegen, dass diese mehr
als Lippenbekenntnisse sind. Man
fordert sie auf, in ihren Moscheen
nach >Hasspredigern< Ausschau zu
halten, ihnen kein Forum zu bieten
und eng mit den Polizei- und Ver¬
fassungsschutzbehörden zusammen¬
zuarbeiten, wenn sie »verdächtige«
Muslime entdecken, die den Rubikon
vom (friedliebenden) Islam zum
(gewaltbereiten) Islamismus über¬
schreiten.
Wenn Attentäter im Namen Moham¬
meds morden, erwartet man von
allen Muslimen ganz selbstverständ¬
lich, dass sie sich distanzieren. Wenn
unter Anrufung Gottes Krieg gegen
den Irak (»Möge Gott uns jetzt füh¬
ren«, US-Präsident George W. Bush)
geführt wird, dann fragt niemand
alle Christen, ob sie sich von Kriegs¬
verbrechen distanzieren oder wie
wir uns vor einem gewaltbereiten
Christentum schützen können? Ge¬
nauso wenig kommt jemand auf die Idee, alle Deut¬
schen dazu aufzurufen, sich deutlich und erkennbar
vom Terror des NSU zu distanzieren, der im Namen
des »deutschen Volkes« begangen wurde.
Wie willkürlich und vordergründig die Unterscheidung
zwischen dem Islam und dem Islamismus ist, verdeutli¬
chen ein paar Beispiele:
Die US-Regierung hat in den 80er Jahren gegen die
sowjetische Intervention in Afghanistan die im Namen
des Islam agierenden Taliban bewaffnet, finanziert
und ihnen zum Sieg verholfen. Ist das der Islam, der
auch hier seinen Platz haben soll?
Wenn 2011 im Krieg gegen Libyen »Gotteskrieger« als
Bodentruppen unterstützt und bewaffnet werden, die
bis heute das Land terrorisieren, wobei es um wenig
Göttliches geht, sondern um die Aufteilung der Beute,
sind das dann die »befreundeten« Islamisten?
Ist der Gottesstaat Saudi-Arabien ein islamischer oder
ein islamistischer Staat? Wenn dort Menschen aus¬
gepeitscht, gefoltert und hingerichtet werden, angeb¬
lich nach den Gesetzen der Scharia, ist das dann ein
trotz allem wohlgelittener Islam, weil der eines verbün-
26
deten Staates? Wird in diesem reaktionären, patri¬
archalen System, das der Westen unter anderem mit
Waffenlieferungen (auch von den deutschen Bundes¬
regierungen) unterstützt, genau jener Islam gelebt, den
wir so vortrefflich vom Islamismus unterscheiden?
Verträgt sich die Bewaffnung eines Teils der syrischen
Opposition (auch durch westliche Staaten), die sich
mehr als deutlich einem islamischen Gottesstaat ver¬
schrieben hat, mit einem Islam, von dem schon mal von
höchster Stelle gesagt wurde, er gehöre zu Deutsch¬
land?
Auch die israelische Regierung hat kein Problem da¬
mit, das politisch und materiell zu unterstützen, was
sie ansonsten als islamistischen Terror zu bekämpfen
vorgibt:
»Bereits Anfang Dezember 2014 hatten die Verein¬
ten Nationen berichtet, die israelischen Streitkräfte
>interagierten< auf den Golanhöhen mit der Miliz
Jabhat al Nusra (>AI Nusra-Front<), die im August 45
UN-Blauhelme zu Geiseln genommen hatte. Aktuellen
Berichten zufolge wird Jabhat al Nusra von Israel
durch »medizinische wie logistische Hilfe< unterstützt.
Ursache sei, dass die Miliz in Syrien gegen die Regie¬
rung von Bashar al Assad und gegen die mit dieser
verbündeten proiranischen Hizbullah kämpft. Jabhat
al Nusra, Kooperationspartner gegen Assad und pro¬
iranische Kräfte, gehört dem Netzwerk AI Qaida an,
dem sich zwei der Attentäter von Paris zugerechnet
haben.« (Feind und Partner, german-foreign-policy.
com vom 29.01.201 5)
Man könnte noch zahlreiche Beispiele anführen, um
deutlich zu machen:
Den Regierungen im Westen ist es egal, ob jemand
den Koran bemüht und zu Mohammed betet. Entschei¬
dend ist, ob jeweilige Organisationen bzw. Staaten
als >Partner< nützlich
sind, ob man mit ihrer
Hilfe eigene Interes¬
sen durchsetzen kann.
Fundamentalistisch
- im ganz wörtlichen
und gottlosen Sinne -
sind weder der Islam
noch das Christentum,
sondern die kapitali¬
stischen Herrschafts¬
verhältnisse, die man
damit überwölbt — mit
all ihren unterschiedlichen Ausprägungen und Nuancen
(Trennung von Staat und Religion etc.). Nur darauf
kommt es wirklich an.
Sprechen wir also nicht über friedlichen und/oder
terroristischen Islam, sondern über verschleierte und
unverschleierte Kapitalismen. Das würde auch den
meisten islamischen Staaten und Bewegungen gerecht
werden.
Ob Herrschaftsverhältnisse also mit der Scharia oder
mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch exekutiert werden,
ist im Sinne hegemonialer Interessen nachrangig. Nicht
die Scharia, der Koran, der Terror und die Unterdrü¬
ckung unterscheiden das Verhältnis zum »Islamischen
Staat< (IS) von dem zum saudi-arabischen Regime. Der
wirklich ausschlaggebende Unterschied besteht darin,
dass der IS nicht die Interessen des Westens bedient,
das saudi-arabische Regime hingegen sehr wohl. Das
hat zur Folge, dass ersterer bombardiert, letzteres hin¬
gegen politisch und militärisch aufgerüstet wird. Doch
auch das Verhältnis zu der
Terrororganisation ist interes¬
sengeleitet, wie ein genauerer
Blick auf den IS deutlich macht:
Was lange ruchbar war, wurde
im Mai 2015 durch die Veröf¬
fentlichung eines geheimen Pen-
tagon-Papieres aus dem Jahr
201 2 bestätigt. Darin wurde in
einem »Islamischen Staat« eine
»strategische Chance« für den
Sturz der Regierung Syriens gesehen:
»Ein ... bisher streng geheimer Pentagon-Bericht be¬
weist, dass die USA die Terrormiliz »Islamischer Staat
in Irak und Syrient (ISIS bzw. IS) geschaffen haben.
Der IS sollte danach Washington als Werkzeug zum
Sturz von Syriens Präsidenten Baschar Al-Assad und
als Vorwand für die Rückkehr des US-Militärs in den
Irak dienen. Hintergrund: Der konservativen US-Bür-
gerrechtsorganisation »Judicial Watch< war es gelun¬
gen, per Gerichtsbeschluss die Freigabe einer Reihe
von US-Geheimpapieren zu erzwingen. Bei deren
Analyse entdeckte der US-Journalist Nafeez Ahmed
das Dokument des militärischen Nachrichtendienstes
des Pentagons (DIA) aus dem Jahr 201 2. Es war sei¬
nerzeit in Washington u. a. auch an das Außen- und
das sogenannte Heimatministerium gegan¬
gen. ... Aus dem Text [geht] hervor, dass
die westlichen Regierungen bewusst Al-
Qaida-Gruppierungen und andere islami-
stische Extremisten (aus denen nach 201 2
der IS hervorging) förderten, um Assad zu
stürzen. ... In dem Papier heißt es: »Es gibt
die Möglichkeit der Schaffung eines sich
konstituierenden oder nicht offiziell erklär¬
ten salaflstischen Kalifats im Osten Syriens,
und das ist genau das, was die Unterstützer
der Opposition wollen, um das syrische Re¬
gime zu isolieren und die schiitische Expan¬
sion im Irak durch Iran einzudämmen« Der DIA-Bericht
prognostiziert den Aufstieg eines solchen »Islamischen
Staats< als direkte Folge der US-Destabilisierungsstra-
tegie. (...) Die Entstehung eines mit Al-Qaida verbun¬
denen »salaflstischen Kalifats< wird in dem US-Doku-
ment sogar als »strategische Chancet bezeichnet, um
Washingtons Ziele in der Region zu erreichen: Regime¬
wechsel in Syrien und Zurückdrängung der »schiitischen
Expansion beziehungsweise des lran.«[l]
27
Es passt ins Bild, wenn der NATO-Staat Türkei zahllose
IS->Kämpfer< über die Grenze nach Syrien einsickern
läßt — sehenden Auges auch von westeuropäischen
und US-Geheimdiensten. Dass aber auch ein zu be¬
kämpfender IS die westlichen Interessen nach weiteren
Interventionen noch bedient, bestätigen die Worte von
Leon Penetta, ehemaliger CIA-Chef (2009-201 1) und
US-Verteidigungsminister (201 1 -201 3), der zu Beginn
der Luftangriffe auf den IS im August 2014 erklärte:
»Ich denke, wir stehen vor einem neuen 30-jährigen
Krieg. (...) dieser Krieg wird über den Islamischen
Staat hinausgehen und sich neuen Gefahrengebie¬
ten in Nigeria, Somalia, Jemen, Libyen und sonstwo
zuwenden.«
Man kann also allen westlichen Regierungen (auch der
deutschen Bundesregierung) tatsächlich abnehmen,
dass sie weder etwas gegen den Islam als solchen
noch gegen die gewaltsame Durchsetzung einer
islamisch begründete Herrschaft haben, wenn damit
ihre Interessen geschützt bzw. gewahrt werden. Das
belegen sie eindrucksvoll und konsequent mit ihrer
Unterstützung und Zusammenarbeit mit Regimen in
Katar, in Saudi-Arabien oder in Afghanistan. Nicht im
Widerspruch dazu steht eine fortwährend militärisch
flankierte Geopolitik, von der llija Trojanow und Juli
Zeh sagen: »Ein kriegerisches perpetuum mobile also,
ein dauernder Ausnahmezustand, der Ausnahmege¬
setze rechtfertigt.«
Was 2010 Befürchtungen waren und gerne als Alar¬
mismus abgetan wird, ist seit dem 1 9. November
2015 erwünschter Normalzustand: Der französische
Präsident Fransois Hollande hat nach den Anschlägen
in Paris den Ausnahmezustand verhängt. Das franzö¬
sische Parlament hat ihn um drei Monate verlängert
und laut einer repräsentativen Umfrage befürworten
über 80 Prozent der Befragten die Aufgabe ihrer
Freiheiten — zu derem Schutz.
All diejenigen, die so »unsere Lebensweise«, »unse¬
re Freiheit« verteidigen wollen, sei mit auf den Weg
gegeben, dass die Ausnahmegesetze, die Fransois
Mitterand wiederbelebt hat, aus den 60er Jahren
stammen. Damals führte die französische Regierung
einen barbarischen Kolonialkrieg in Algerien. Sie
wandte zur »Verteidigung« nicht nur systematisch die
Folter an, sie wußte auch im eigenen Land, wie man
die »Freiheit« verteidigt: Als in Paris am 17. Okto¬
ber 1961 mehrere Zehntausend gegen den blutigen
Kolonialkrieg auf die Straße gingen, ermordete die
Polizei Hunderte von ihnen — zahlreiche wurden wie
tote Katzen in die Seine geworfen. Die >freie< Presse
Frankreichs quittierte diese Barbarei mit komplizen-
haftem Schweigen.
Wolf Wetze!
Paris - Bericht und Updates zu den
Ingewahrsamnahmen beim KlimagipSel
Montag, 30. November, irgendwo in Europa, einen
Tag nachdem einige Tausend Menschen in Paris sich
aufmachten, trotzdem auf die Straße zu gehen, um
dem Verbot der Auftaktdemonstration anlässlich der
Eröffnung der COP2 der Willkür des Notstands gera¬
deaus zu widersprechen. Eine grenzübergreifend er¬
stellte Zusammenfassung des Tages samt Kurzbespre¬
chung von einigen Hintergrundfragen mit einer Person,
die dabei war - hier in deutscher Übersetzung [A. d. Ü
in eckigen Klammern bzw. als Fußnoten] plus Update
zum Stand der justiziellen Nachspiele in Fußnote [1].
[A führt das Interview, B berichtet]
A: Hallo, du hast in letzter Zeit schon öfter aus Paris
berichtet, nun möchten wir dich fragen, was gestern
passiert ist und ob du etwas darüber hinzufügen
kannst, wie sich diese Momente gestern im Nachhinein
anfühlen. Jede Art von Einschätzung, die Dir sinnvoll
erscheint, ist willkommen... Wir überlassen Dir das
Wort
B: Nun, im Gegensatz zu dem, was in den Zeitungen
steht, bestand der gestrige Tag aus vielen unterschied¬
unterschiedliche Leute gegeben hat, die gestern den
Platz der Republik eingenommen, ihn besetzt haben.
Tatsächlich ist es so, dass die unterschiedlichen Grup¬
pen, die diesen Marsch organisieren sollten, nach dem
es nach den Anschlägen zum Verbot der Demonstrati¬
on gekommen war auf unterschiedliche Weise auf
diesen reagiert haben. Ein Teil der Gruppen, der
vielleicht institutionellere rund um die Koalition für das
Klima, hatte beschlossen, dass jeder ein Paar Schuhe
mitbringen solle, weil man es ja verboten hatte, zu
demonstrieren. Diese wollte man dann aufstellen, um
die ganzen Leute, die sonst eben demonstriert hätten
darzustellen. Gegen 1 1 Uhr war der Platz noch leer,
es lagen aber ziemlich überall diese Schuhe herum.
Wenig später gab es eine Menschenkette zwischen
dem Platz der Republik und dem der Bastille, also
entlang der Strecke, die planmäßig auch die der
Demonstrationsroute hätte sein sollen. Diese rigoros
auf dem Gehweg aufgebaute Menschenkette war von
Organisationen wie Attac organisiert worden, die
zwar von den Initiativen der Koalition Abstand genom¬
men, aber auch gesagt hatten, dass sie nicht zum
Demonstrieren aufrufen würden. Während diese
liehen Momenten, auch weil es unheimlich viele, sehr
28
Menschenkette unter Aufsicht der Polizei auf dem
Gehweg gebildet wurde, begannen die außerparla¬
mentarischen und auch parlamentarische Gruppen wie
die NPA, die doch zur Kundgebung bzw. zum Demons¬
trieren aufgerufen hatten, sich auf dem Platz zu
versammeln. Gegen 13 Uhr waren wir 1000 bis 2000
Leute, also schon recht zahlreich. Als die Menschenket¬
te beendet war, sind auch all'diese Leute auf den
Platz geströmt. Hinzu kamen noch die Passanten und
der Umstand, dass der Platz als Ort des Gedenkens
für die Opfer des Anschlags genutzt wird, so dass wir
daraufhin eine insgesamt ziemlich beträchtliche
Menge Leute waren. Die Polizei spricht von 5000
Leuten, ich nehme daher an, dass wir einige mehr
gewesen sein dürften... Das allein darf schon mal als
positiv bewertet werden, wenn man das von der
Regierung erzeugte Klima des Schreckens bedenkt
und die Tatsa¬
che, dass über
die Medien ohne
Unterlass durch¬
gesagt wurde,
dass es Demons¬
trationswilligen
absolut teuer zu
stehen kommen
würde, es zu tun.
A: Die Zeitungen berichten sogar von 1 0000 Leuten,
die in Paris auf die Straße gingen...
falls in den umliegenden Straßen mit kleineren De-
monstrationenszügen erneut aufgebrochen waren. Es
war nicht ganz klar, was genau vor sich ging. Einerseits
war das Polizeiaufgebot so groß, dass es ohne Wei¬
teres in der Lage war, auch 4 bis 5 kleinere Demons¬
trationen zur gleichen Zeit zu handeln. Zwischen 15
und 1 9 Uhr haben sie eine Menge Leute festgesetzt,
die sie blockiert hatten. Der Regierung zufolge, ist von
208 interpellations und 174 gardes a vue die Rede
[1]. Andererseits haben sie am Ende einige Hundert
Leute doch noch gehen lassen - ich habe Freunde, die
in diesen letzen Kesseln auf dem Platz standen, die sie
am Schluss gehen ließen, weil es schon so viele Ver¬
haftete gab und wie es scheint auch deshalb, weil sich
unter den Personen in diesen letzten Gruppen, die
noch auf dem Platz blockiert waren, einige Politiker
befanden. Unser Innenminster Cazeneuve hat mit
Nachdruck betont, dass die Konsequenzen für die
Verhafteten sehr schwerwiegend sein werden, weil
man aus Gründen des Respekts für die Opfer des
Anschlags nicht hätte demonstrieren dürfen.
A: Ja, das wird auch in den Medien hierzulande so
transportiert. Fast, als habe man einen Sakrileg
begangen. Abgesehen von den Worten euren Innenmi¬
nisters, Hollandes etc pp., ist es reichlich kurios, wie
die Journalisten die Sache aufgegriffen haben. Was
ich Dich noch fragen wollte: im Moment sind 174
Personen in Haft, bzw. in Gewahrsam...
B: Ja, ich würde sagen, zwischen 5000 und 10000. Zu
den 10000 würde ich nicht allein die Demonstrie¬
renden zählen, weil der Platz der Republik ein Ort ist,
der auch so sehr stark frequentiert ist. Es waren aber
sehr viele Leute da. Irgendwann hat man dann ver¬
sucht, loszuziehen, bei einem Polizeiaufgebot, wie ich
ihn in Paris noch nie erlebt habe. Dieser war wirklich
extrem beeindruckend. Die Polizisten traten sich
gegenseitig auf die Füße, weil es einfach so viel
Polizei war, sie hatten nichteinmal genug Platz, um
allesamt in Stellung zu gehen. Wir hatten keine 50
Meter zurückgelegt, da begann die Polizei, [Tränen-,
d.U.] Gaspatronen und auch viele [Schock-, d.Ü.]
Granaten zu werfen. Damit hatte sich der erste
B: Laut Polizei, gab es 174 gardes a vue und 208
interpellations, der Unterschied ist, dass sie dich bei
einer Interpellation einige Stunden festhalten können,
während die Festsetzung im Falle der garde a vue
bedeutet, dass sie einen bis zu 48 Stunden festhalten
können. Aus diesen 48 stunden werden aber so lange
die Notstandsgesetze greifen bis zu 96 Stunden.
A: Ach so, das kommt durch die Notstandsgesetze...
B: H ier geht es daher um Leute, denen es passieren
kann, dass sie bis zu 96 Stunden in den Zellen der
Präfektur in Gewahrsam gehalten werden können.
A: Weil sie demonstriert haben...
Versuch, einen Demonstrationszug in Gang zu setzen
erledigt, die Leute sind nach und nach zurück auf den
Platz gegangen. In dem Augenblick war der Platz
vollständig blockiert, man konnte nur durch die Sper¬
ren, die Spaliere der Polizei hindurch, die die Rucksä¬
cke durchcheckten und Leute mit ausgeprägten De¬
monstrantenvisagen gleich in Gewahrsam nahmen.
Bald darauf kam es zu panischen Szenen, weil die
Polizei anfing, mitten auf dem Platz herumzustürmen.
Sie enterten Menschengruppen, brachten die Leute
dazu, kreuz und quer zu rennen und gingen nach einer
Weile dazu über, die Menge in Grüppchen aufzutei¬
len. Sagen wir mal, es waren Haufen von 1 00, 200
Leuten, die jeweils von Polizisten umzingelt waren.
B: Ja, wegen dem Verbot einer Demonstration. Weil
sie sich an einer Demonstration, die verboten wurde,
beteiligt haben. Hinterher wird es vielleicht weitere
Anschuldigungen geben. Momentan werden sie aber
dessen beschuldigt.
A: Das sind im Übrigen Auswirkungen [der Notstands¬
gesetzgebung, d. Ü.], die ganz direkt die Bevölkerung
betreffen. Die Zeitungen schreiben, dass wir nicht
demonstrieren können und zu unserem normalen
Allltag zurück müssen. Wir dürfen alles tun, wir können
Märkte besuchen, ins Kino oder ins Theater gehen und
auf Konzerte. Es ist aber streng verboten, zu demons¬
trieren.
Zusätzlich gab es eine ganze Menge Leute, die durch
die umliegenden Straßen irrten und hier und dort gab Diese Tatsache wurde auch in Frankreich breit
es Grüppchen von 200, 300 Menschen, die eben- thematisiert. Schließlich trafen die Anschläge einen
Konzertveranstaltungsort und Gaststätten. Weiter
Konzerte zu besuchen und trinken zu gehen ist erlaubt;
sich politisch betätigen aber nicht.
A: So auch in Brüssel, wo der Marsch ebenfalls verbo¬
ten wurde, obwohl es dort gar keine solchen Anschlä¬
ge wie in Paris gab. Die Demonstranten haben einen
Weg gefunden, um trotzdem auf die Straße zu gehen.
Unmittelbare Konsequenzen gab es nicht - wir werden
sehen, ob es noch ein Nachspiel geben wird, etwa so,
wie es sie kürzlich in Zusammenhhang mit dem 1. Mai
in Mailand der Fall gewesen ist. Die Repression ist
jedenfalls stark. Der gestrige Tag in Paris macht
überdeutlich, welche Folgen das [sprich: die Ausrufung
des binnen sechs Tagen nach den Anschlägen neu
geregelten Notstands, d. Ü.] für die Bevölkerung
hinsichtlich der Entziehung persönlicher Freiheitsrechte
hat.
B: Im konkreten Fall sind es Folgen, die vielleicht eher
Aktivisten treffen, bzw. Leute, die sich wie auch immer
dafür entschieden hatten, [trotz Verbot, d. Ü] auf die
Straße zu gehen. Dann gibt es aber die vielen Auswir¬
kungen des Notstands auf die ganzen Leute, denen nie
einfallen würde, auf die Straße zu gehen. Diese
haben allen Grund, durch die gigantische Ausweitung
der polizeilichen Machtbefugnisse nach den Anschlä¬
gen verängstigt zu sein. Ungeachtet dessen, was sich
gestern in Zusammenhang mit der Demonstration
abgespielt hat, hat es eine Menge Durchsuchungen
gegeben, über 1 000 in zwei Wochen [2]. Wie man
sich leicht denken kann, hatten viele davon nichts mit
den Anschlägen zu tun. Zudem gab es couvre-feux,
Ausgangssperren [3]. Es hat wirklich eine Menge
Durchsuchungen gegeben, die mit dieser Terrorismus¬
geschichte nichts zu tun hatten. Sie tun gerade all das,
was sie bis jetzt nicht tun konnten, weil ihnen jetzt weit
umfassendere gesetzliche Grundlagen zur Verfügung
stehen, weil sie viel - sehr viel - Geld bekommen
haben und viele rechtliche Hürden gefallen sind. Sie
können alles Mögliche machen und treten noch arro¬
ganter auf, als es schon der Fall war.
A: Was meinst du, wird es von Seiten des auf einer
kontinuierlicheren Ebene aktiveren Spektrums eine
weiter gefasste Antwort auf das Ganze geben, die
auch im Stande ist, breitere Teile der Bevölkerung
bzw. der Jugend mitzunehmen, die sich von dieser Hal¬
tung, die den Anschein macht, bereits zum Gesetz, zur
gesellschaftliche Norm aufgestiegen zu sein getroffen
fühlt, weil jeder, der auch nur ein wenig aus dem
Rahmen fällt bzw. aus der Reihe tanzt direkt an den
Pranger gestellt und angegriffen sieht?
B: Nun, die beiden Demonstrationen, die in den letzten
Tagen stattgefunden haben - die am vergangenen
Sonntag [22. November, in Solidarität mit den Mi¬
granten und den Sans papiers, d. Ü.], bei der wir es
geschafft haben, sie durchzuführen, obwohl wir nur
ganz wenige Leute waren und die gestrige stellen
sicher ein positives Signal dar. Beide waren aber
schon lange vor dem Notstand geplant. Ich
kann daher nicht sagen, ob es gelingen wird, in der
Zukunft einen Mobilisierungsprozess in Gang zu
setzen, der es schafft, sich auf einer etwas breiteren
inhaltlichen Grundlage dem Notstand entgegen zu
stellen, eine inhaltliche Grundlage, die sich mit Fragen
auseinandersetzt wie staatlicher Rassismus, Islamo-
phobie, Antimilitarismus und es hinbekommt, diese
ganzen Diskurse zusammenzuführen. Im Augenblick
fehlt es in Frankreich an einer Organisationsform, die
imstande wäre, auch nur eine halbwegs kritische
diskursive Auseinandersetzung zu führen und auch zur
Mobilisierung aufzurufen. Wir werden wohl erstmal
sehen müssen, was mit den ganzen Leuten passiert, die
gestern verhaftet wurden, und ob es gelingt, über die
in Zusammenhang mit COP 21 schon festgelegten
Termine hinaus viele Leute mehr auf die Straße zu
bringen. De facto funktioniert das Demonstrationsver¬
bot nicht: seit es verhängt wurde, hat es durchaus
Demonstrationen gegeben. Es gilt jedenfalls, dass man
mit mehr als 10000 Leuten auf die Straße muss, um
die Sache wirklich ins wanken zu bringen. Man wird
sehen, ob es bei den nächsten COP 21 Terminen und
darüber hinaus gelingt, weiter Demonstrationen zu
organisieren und mehr Leute auf die Straße zu brin¬
gen. Ich denke jedenfalls, dass selbst auf der Ebene
der Mainstreammedien deutlich wird, dass eine
gewisse Bewusstwerdung bezüglich der Tatsache
eingesetzt hat, dass der Notstand im Begriff ist,
willkürliche Anmaßungen aller Art zu produzieren.
Jetzt wird man sehen müssen, ob es gelingt, diese
Bewusstwerdung auf die Straße zu bringen.
A: Mir scheint, dass vieles auch wahlkampftaktisch
angelegt ist, im Sinne eines Versuchs - möglich wär‘s,
ich weiß es aber nicht - den Front National im Vorfeld
der Kommunalwahlen abzudrängen. Ich habe heute
früh mitbekommen, dass auch die französischen Presse
Losungen der [regierenden, d. Ü.] Partei wiedergab,
die den Begriff der Ordnung beschworen. Ich könnte
mir vorstellen, dass Hollande und Valls versuchen - ich
meine, mit Blick auf die Kommunalwahlen und die
Wahlgänge die noch kommen werden - mit dieser
Losung der Kontrolle aufzutrumpfen. Die Hintergründe
für dieses Klima scheinen mir sehr kompliziert. Wie
auch immer hoffe ich sehr, dass sich einiges in die von
dir genannte Richtung entwickelt, dass die Basis
breiter wird und die Anzahl derjenigen, die sich
beteiligen hoch bleibt, um den Zugang zur Straße zu
sichern und sich diese zu nehmen, wann immer man es
wollen wird.
B: Nun, was die Wahlen betrifft, ist es tatsächlich so,
dass die sozialistische Partei im Begriff ist, wirklich
rechte Positionen einzunehmen. Das war aber schon
vor den Anschlägen so - auch schon vor Charlie
Hebdo. Abgesehen von der Homoehe, haben sie nichts
gemacht, was auch nur entfernt mit halbwegs linken
Positionen zu tun hätte. Ich kann nicht sagen, was es
bei den Wahlen bringen wird, weil Leute, die rechts
wählen wollen auch rechts wählen. Es ist nicht so, dass
sie eine sozialistische Partei wählen würden, nur weil
diese rechte Maßnahmen trifft. Ob es ihnen etwas
bringen würde, das kann ich wirklich nicht sagen. Wir
aber, wir werden garantiert sehr teuer dafür bezah¬
len. Wenn eine so genannte Linksregierung die
Nummer des Notstands auf eine Art bringt, wie es sich
rechte Regierungen nie getraut haben, weiß ich nicht,
was passieren wird, wenn eine rechte Partei an die
Macht kommt.
A: Ja, genau, es ist
diese Ausprägung
des Wettbewerbs,
die zu denken gibt.
Hält man das
einmal fest, wird
klar, dass es auch
die Leute, die
derzeit etwas
unternehmen jetzt in der Hand haben und dass es
darauf ankommen wird, wie die Menschen in den
Innenstädten und in den so genannten Randbezirken
leben reagieren werden. Wir werden sehen. Wir
bleiben in Kontakt, Beiträge und Updates von Dir und
anderen Compas aus Paris sind bei uns immer willkom¬
men. Tausend Dank und auf Wiedersehen!
Tschüss. Ich wünsche Euch einen schönen Tag!
A. d. Ü.:
[1] Stand vom Sonntagabend wie ihn Innenminister Cazeneuve
mitgeteilt hatte. Die von der Präfektur später bekannt gegebene
endgültige Bilanz lautet: 341 interpellations, aus denen in 317
Fällen gardes a vue wurden. Die meisten Leute (308) wurden
am Montagnachmittag frei gelassen. Zwei von 9 Personen,
die sich am Dienstag noch in Gewahrsam befanden, stimmten
der sofortigen Vorführung vor dem Strafrichter zu. Die Ur¬
teile wurden noch am selben Abend gesprochen. Einer Person
wurden die „strafbare Beteiligung an einer Menschenansamm¬
lung nach den Aufforderungen“ (participation delictueuse ä un
attroupement apres les sommations) und der Wurf von einer
Dose auf Polizisten vorgeworfen. Der Richter verurteilte sie
zu drei Monaten Haft ohne Bewährung und zur Zahlung von
Schadenersatz an einen Polizisten (Verletzung an einer Lippe).
Die zweite Person wurde zur Zahlung eines Bußgelds in Höhe
von 1000 Euro verurteilt, wegen der Teilnahme an der Demons¬
tration und weil sie eine erkennungsdienstliche Maßnahme
abgelehnt haben soll. Keiner, der am Sonntag dabei war, kann
sich allerdings an Aufforderungen, den Platz zu verlassen
erinnern]. Heute (Mittwoch) wurden erneut zwei Personen dem
Strafrichter vorgeführt. Eine der beiden Verhandlungen endete
um 18 Uhr, mit einer Verurteilung zu acht Monaten Haft auf
Bewährung. Mindestens drei (möglicherweise vier) Personen
wurden (Stand: 2. 12. 15) ungeachtet eines regulären Aufent¬
halts in Frankreich in eine Abschiebeanstalt verbracht. Ihnen
drohen die Ausweisung bzw. die Abschiebung aus Frankreich
und das Verbot, erneut einzureisen oder in Frankreich zu
verweilen (Aufenthaltsverbot). Sämtliche Eilanträge gegen
die 24 im Vorfeld der Klimakonferenz verfügten assignations
ä residence (wörtlich „Zuweisung eines Wohnorts“, konkret:
Zwang zum Aufenthalt in der eigenen Wohnung oder an einem
behördlich
festge¬
legten Ort
in Verbin¬
dung mit
der Auf¬
lage, sich
zu fest¬
gelegten
Zeiten
bei der
örtlichen
Polizei¬
dienststelle
zu melden), die für 24 Anti-COP Aktivisten bis zum Abschluss
der Konferenz faktisch den Hausarrest bedeuten wurden bis auf
einen, über der noch nicht entschieden wurdeabgewiesen.
[2] Wie der frz. Innenminister Cazeneuve am 24.11. der Assem-
blee nationale mitteilte, wurden schon bis dahin, also innerhalb
von 10 Tagen, 1233 Durchsuchungen durchgeführt. Am 28.
11. folgte ein Update durch Premier Valls, der dann von 1836
Durchsuchungen berichtete.
[3] Allein die massive Kontrolle und Überwachung ohne
wenn und aber - die einen erleben es bei ihren Bahnreisen,
die anderen wenn sie in die Mensa gehen oder eine Biblio¬
thek besuchen usw. aufsuchen, weitere bei Grenzübertritten
- das unglaublich martialische Auftreten der Sicherheitskräfte
bei zig Durchsuchungsaktionen, Verhaftungen und „Gefär-
derbesuche“ in allen Ecken des Landes haben ziemlich jeden
in Frankreich „wirksam erreicht“, mindestens psychisch, oft
aber auch auf der Ebene der Lebensumstände im Alltag. Die
spektakulär inszenierte Koreografie der „starken Hand gegen
den Terror“ auf dem Gebiet der Überwachung, der Kontrolle
und der Polizeiaktionen lebt auch von weiteren freiheitsein¬
schränkenden Maßnahmen verschiedenster Art, die weniger
bekannt sind als die allerschärfsten und durch die Ausweitung
der Befugnisse der Präfekturen möglich wurden. Auf dieser
Grundlage wurde etwa ein mittlerweile bis 14. 12. verlängertes
Verbot für Fanvereine zu Auswärtsspielen der jeweiligen Clubs
zu reisen verhängt. Ebenfalls bis 14. 12. gilt eine Anordnung,
die den Verkauf von allerlei handelsüblichen flüssigen bzw.
festen brennbaren Stoffen (darunter Aceton, Spiritus, Terpen¬
tin, Kohlenanzünder, Lampenöle, Duftöle, Reinigungsbenzine,
Spezialtreibstoffe, Lösemittel für Lacke und Farben) sowie
von Gasflaschen verbietet. Beide Verbote gelten also für die
gesamte Dauer der Klimakonferenz. Das erste wurde unter Hin¬
weis auf einen notstandsbedingten Mangel an verfügbaren Poli¬
zeikräften begründet, das andere im Zeichen einer präventiven
Abwehr von Gefahren. Weitere Verbote und Einschränkungen
bestehen jetzt schon - teils regional, teils landesweit - für die
gesamte Dauer des Notstands. In Anlehnung an den Notstand
wurden im Departement du Nord (Lille) etwa das Mitführen
von Glasflaschen im öffentlichen Raum zwichen 20 und 8 Uhr
und der außer Haus Verkauf von alkoholischen Getränken der
Klassen 2 bis 5 verboten. Solche Maßnahmen „erreichen“ - wie
die allerorten extrem starke und invasive Überwachung durch
Polizei und Militär - auch Teile der Bevölkerung, die von den
ganz scharfen Geschützen der neuen Notstandsregelung eher
nur über die Medien etwas mitbekommen.
31
STOP
C.0,!
Stadtteilkampf, soziale Organisierung,
revolutionäres Bewusstsein
Ein Gespräch mit einer Gruppe, die in Berlin gegen
Gentrifizierung kämpft und im Mietkampf engagiert
ist. Es wurde auf Bitte des Autonomen Blättchens ge¬
führt.
Es gibt in vielen Städten Kämpfe gegen Gentrifizie¬
rung. Aber es gelingt scheinbar selten, der Entwick¬
lung tatsächlich etwas entgegenzusetzen. Teilt ihr
meinen Eindruck?
X: Ja, es gibt eine gewisse Stagnation. Gruppen fan¬
gen oft an, im Stadtteil irgendwelche Sachen zu skan-
dalisieren, das gelingt dann manchmal auch erfolg¬
reich. Sie schaffen es aber nicht eine tiefere Wirkung
im Stadtteil zu entfalten, weil übersehen wird, dass ein
Stadtteil nur ein kleiner Teil eines Gesamtgefüges ist.
Es fehlt vielleicht an einer Analyse, wie man Gentri¬
fizierung auf einer größeren Ebene begegnen kann.
Aber es gibt viele Gründe, warum es nicht richtig
vorangeht.
Y: Viele
denken,
im Kampf
gegen das,
was Gen¬
trifizierung
genannt
wird, könnte
jetzt mal
was gehen,
da gehen
wir jetzt mal
hin. Also
dieses üb¬
liche Denken
in Teilbe¬
reichskämp¬
fen. Immer
da hin, wo
gerade das Event angesagt ist, wo der meiste gesell¬
schaftliche Widerhall zu erreichen ist, aber gar nicht
unbedingt der größte Erfolg, weil sich keine Bestän¬
digkeit und keine Kontinuität entwickelt. Erfahrungen
werden nicht so ausgewertet, dass gesagt werden
kann: da sind wir gescheitert und da müssen wir wei¬
termachen. Dadurch sind viele Gruppen im Laufe der
letzten Jahre auch wieder etwas irrelevanter gewor¬
den.
X: Aber dazu kommt, dass sich mehr und mehr eine
Mittelschichtslinke dem Thema annimmt und dadurch
auch einen gewissen Politikstil stark macht, der mehr
identitär geprägt ist, als dass er sich an einer sozialen
Basisorganisierung orientiert. Also es wird sich nicht
gefragt, wie können Leute sich zusammentun, auch
wenn sie nicht die gleiche Sprache sprechen, wenn
sie nicht die gleichen Konformismen leben, wenn sie
nicht pc vom Himmel gefallen sind, wenn sie auch mal
Positionen vertreten, die haarsträubend sind. Aber
Basisorganisierung bedeutet, zu gucken, wie man sich
mit Leuten zusammen tun kann, die ein ähnliches Pro¬
blem haben und wie man daraus einen gemeinsamen
Widerstand bilden kann. Auf so einen Prozess lässt
sich ein Teil der Linken auch nicht ein.
Im Bereich Mietkämpfe haben sich viele Gruppen auf
dieses Thema drauf gesetzt, ohne eine eigene soziale
Organisierung damit in Gang zu bringen.
Ein anderes Problem könnte sein, dass die Mittel¬
schichtslinke die Nöte der Menschen abstrakt angeht
und wenig konkret. Da gibt es, würde ich sagen, eine
fehlende Klassenanalyse. Warum soll sich ein Teil der
Armen zusammentun mir einem etablierten Teil der Lin¬
ken, von dem man jetzt schon weiß, in fünf Jahren haben
diese die soziale Bewegung als Karrieresprungbrett be¬
nutzt, als Reputation für Verhandlungen mit den Parteien,
im Namen der Armen.
Y: Wir hatten gerade so ein Phänomen in Berlin, das
Volksbegehren. Da durften die Basisgruppen Unter¬
schriften sammeln und die Wichtigtuer und Bewe¬
gungsmanager haben dann mit der SPD verhandelt,
die ja wesentlich für die Mietmisere verantwortlich
ist. Die Basis hat aber nie die Erlaubnis für diese
Verhandlungen gegeben. An solchen Punkten werden
Bewegungen geschwächt.
Wurde denn Widerspruch zu dieser Art der Politik
aus den Basisgruppen geäußert?
Y: Tja, den Widerspruch gibt es. Es gibt in Berlin den
Versuch eine außerparlamentarische, radikale Mie-
ter_innenbewegung stark zu machen. Das stagniert
aber immer wieder.
Es gibt die Bewegung gegen Zwnagsräumungen, wo
Leute versuchen, sich auf Augenhöhe zu organisieren.
Das Verhältnis ist aber auch da immer ein bisschen:
Man macht was für Andere. Das heißt, wir sind noch
nicht an dem Punkt, das Leute eine so enge sozi¬
ale Bindung miteinander eingehen, dass der Kampf
ein wirklich gemeinsamer wird. Es gibt Kritik an
den Bewegungsmanager_innen, die soziale Kämpfe
funktionalisieren. Die radikalen Kräfte sind aber so
schwach, dass sie sich nicht auch noch ständig mit den
reformistischen Teilen rumstreiten können.
Es fehlt auch an einer organsierteren Struktur derer,
die die Verhältnisse radikal in Frage stellen und für
die der Mietkampf nur ein Zugang zur sozialen Frage
ist.
X: Na ja, wer gerne selber seinen Latte Machiato
für dreifuffzig schlürft und zweimal im Jahr auf die
Kanaren fliegt, kann ja schwer ein gleicher Teil in
einer sozialen Bewegung sein, in der es um Folgen der
Armut geht.
Können dann nur die „armen“ Linken glaubwür¬
dig Mietkämpfe führen und auch grundsätzlich die
Eigentumsfrage aufmachen? Wie sollte sich aus
abstrakter Gesellschaftskritik etwas konkretes in
sozialen Bewegungen erreichen lassen?
viel Geld
bereit ist,
Hinter-
zu bre-
sich zu
solange
anderen
hat oder nicht, sondern darum, ob man
durch das eigene Handeln mit dem eigenen
grund
chen;
sagen:
alle
Aus¬
gegrenzten hier nicht frei sind, bin ich auch nicht frei.
Stattdessen wollen viele Linke eigentlich zu den Ge-
winner_innen unter den jetzigen Verhältnissen zählen.
So lässt sich keine echte Verbindung mit dem verar¬
mten Drittel der Gesellschaft aufbauen.
Ich glaube, was noch gar nicht begriffen wird, ist,
dass hier zur Zeit ein Klassenkrieg von Oben läuft,
ohne dass es, und das war mal anders, emanzipative
Erwiderungen gibt.
X: Das eine ist die Frage: Mit welchen Linken kämpft
man? Das andere: was können konkrete lokale Kämp¬
fe bewirken?
Wir denken, es steht in der Linken ein politischer
Bruch an, mit Strömungen, die mittelstandsorientierte
Entscheidungen treffen und die ihre eigenen Ressour¬
cen nicht in Frage stellen — die auch nicht bereit sind,
ihre eigene Klasse zu verraten. Die rennen vielleicht
rum und sagen: wir zahlen nicht für eure Krise, mei¬
nen aber
immer
nur sich
und sehen
nicht, dass
andere
schon
lange für
diese Krise
zahlen. In
Berlin gab
es ja schon
lange
Kritik an
Mittel¬
schichtslinken, die Häuser und Wohnungen kaufen und
bauen lassen. Diese sind natürlich nicht mehr die Sub¬
jekte einer emanzipativen Bewegung — sie haben die
Seiten gewechselt, mögen sie auch links daher reden.
Man muss sie am Handeln messen.
Diejenigen, die was anderes wollen, müssen versuchen,
tatsächlich Erfahrungen mit anderen Ausgegrenzten zu
machen. Das gab es ja schon. Soweit ich weiß, gab es
das in den 80ern in der Lehrlingsbewegung. Und auch
die Anfänge der Hausbesetzer_innenbewegung waren
da viel weiter.
Wir glauben, es braucht heute einen neuen Bruch
entlang der Klassenfrage, weil es auch darum geht,
dass man, ich sags mal so, dass man auch die eigene
Klasse verrät, um sich mit anderen zusammen zu tun.
Es geht dabei nicht unbedingt darum, ob jemand
Gibt es diese vielleicht gerade eher von der rechten
Seite? Stichwort Pegida?
Y: Die Rechten nehmen gerade gesellschaftliche Wi¬
dersprüche auf und schaffen es zu einer dynamischen
gesellschaftlichen Bewegung zu werden. Das liegt
auch daran, dass es gerade keine Linke gibt, die den
Mut und den Arsch in der Hose hat, soziale Fragen
mal revolutionär zu diskutieren und in der Beantwor¬
tung dann auch revolutionär zu handeln.
Bei uns gibt es eher einen eventorientierten Radi¬
kalverbalismus, der sich auf die Presse ausrichtet.
Es fehlt aber die Substanz, für eine glaubwürdige
Organisierung mit Anderen, die eigentlich genügend
Gründe hätten, die Verhältnisse nicht mehr hin zu
nehmen. Wenn man sich mal anguckt, wie viele Arme
es mittlerweile gibt... die Leute sparen am Essen,
damit sie ihre Miete bezahlen können, sie sparen an
Heizung, an fast allem, damit sie einen Status auf¬
rechterhalten und sich schön reden können, dass sie
noch Teil der Gesellschaft sind. Die leben sowas von
prekär. Dazu hat sich die Linke nie gestellt! Sie be¬
klagt es nur gerne, aber sie begibt sich nicht in eine
Organisierung mit denen, deren Elend sie benennt.
X: Es braucht ein Grundverhältnis in dem man sagt:
mir geht es ähnlich und ich versuche zusammen mit dir
was zu entwickeln, wir gucken zusammen, was geht.
Da muss man dann auch gemeinsam mal was auspro¬
bieren, was man sich bisher einzeln nicht getraut hat,
weil man sich nicht mehr verarschen lassen will. Wir
müssen was riskieren!
Es geht um soziale Organisierung und nicht um ein
Label, das man sich umhängt.
Das hört sich ja alles jetzt nicht so neu an, was du
sagst. Anfang der 1970er wurde da ja schon viel
versucht und auch die Hausbesetzer_innenbewe-
gung war in den 80ern einen ganzen Schritt weiter,
was die soziale Frage angeht. Da war es normal,
dass es Raum gab, für Leute die kein Geld haben,
dass die genauso Teil sind, wie Migrant_in-
'VteTffiRECHTF 'f
, ßfMEIHSA M„
ßwcMserzFAi/
nen, lllegalisierte, Obdachlose, Drogenabhängige.
Heute ist das anders. Da besetzt man vielleicht
mal symbolisch ein Haus, während man Sozialar¬
beit studiert. Es gab also eine bestimmte Form des
Scheiterns, was die Zusammenarbeit mit Prekari-
sierten und Ausgegrenzten angeht, die dann zu der
Art Identitätspolitik geführt hat, wie wir sie heute
in weiten Teilen der radikalen Linken vorfinden.
Lässt sich eurer Meinung nach trotz des historischen
Scheiterns der autonomen Linken derzeit noch ein
Aufbruch entwickeln?
Welches neu politische
Verhältnis zur Realität
muss dafür aufge¬
macht werden?
■
Bitte die Scheiben nicht
bekleben
Bitte die Scheiben nicht
einschlagen
X: Die Stärke der le-
galistischen Eventpolitik
hat mit der Schwäche
der radikalen Kräfte zu tun. Und dass man das Feld
den ganzen Akademiker_innen überlassen hat. Egal,
warum das mal gescheitert ist. Ich glaube wir sind
wieder an dem Punkt, neue Schritte zu wagen, auf
gleicher Augenhöhe mit Anderen in Kontakt zu treten,
um dann raus zu kriegen, was überhaupt miteinander
geht.
Y: Das fällt aber nicht vom Himmel. Die Leute, die
glauben, dafür keine Zeit zu haben, keine Kapa¬
zitäten und so weiter, haben im Grunde nicht den
politischen Willen, sich mit Leuten zu verbinden, die
nicht so pc unterwegs sind. Da steht ein Bruch an, der
ist überreif! Aber wichtig ist, was
Neues politisch und praktisch
stark zu machen.
Mal im Ernst: Steht man da
gerade nicht leider auf ziem¬
lich verlorenem Posten? Was
sind denn die radikalen Forde¬
rungen, die sich daraus erge¬
ben? In Berlin gibt es ja Forde¬
rungen, die Eigentumsfrage in
das Zentrum des Mietkampfs
zu rücken. Wäre das so ein Beispiel?
X: Wir müssen vor allem der Fragmentierung des So¬
zialen begegnen. Die arme Rentnerin kapiert oft nicht,
was sie denn mit den Alkis zu tun hat. Was haben die
mit Harz IV, mit prekarisiert Arbeitenden, mit Geflüch¬
teten, mit Alleinerziehenden... Wir müssen entlang der
Armutsfrage neue Fronten aufmachen und neue Bünd¬
nisse eingehen. Und internationalistisch denken.
Die Eigentumsfrage ist eine zentrale Frage. Die wird
aber gezielt beiseite gedrängt, von den etablierten
Linken. Oder sie wird akademisch behandelt und nicht
praktisch übersetzt. Das ist dann wertlos, weil nichts
mehr in der Praxis erprobt wird. Wir brauchen im
Alltag Versuche, Räume auf zu machen, zu besetzen
und zu verteidigen. Sowohl klandestin militant als auch
durch Massenmilitanz. Es gilt, nicht neue Räume für
Subkulturen zu entwickeln, sondern ganz praktisch 34
für Leute, die gar nicht wissen, wie sie hier sozial und
wirtschaftlich noch über die Runden kommen sollen.
Y: Gerade scheint es mir wichtig, dass die Frage der
Armut gekoppelt wird mit einer Kritik an der Flücht¬
lingspolitik und dem Mietkampf. Es braucht da eine
grundlegend revolutionäre Auseinandersetzung. Jede
Form von Teilbereichskämpfen führt da nicht weiter. Es
müssen Solidarisierungseffekte und Verbindungen zwi¬
schen den Kämpfen der Geflüchteten und der Armen
geschaffen werden.
Wie kann das denn praktisch aussehen: Miet¬
kampf und Kritik an der Flüchtlingspolitik zu
verbinden? Gemeinsame Besetzungen? Oder
geht es mehr darum, einen gemeinsam Be¬
griff von den gesellschaftlichen Verhältnisse
zu bekommen?
Y: Wir können auch nur Sachen vorschlagen.
Geflüchtete wie arme Einheimische suchen was zum
Wohnen. Wie kriegt man die Kämpfe verbunden?
Ob das nun Besetzungen sind, das muss eine Bewe¬
gung konkret beantworten. Aber Ziel muss sein, diese
Kämpfe zusammen zu führen und nicht getrennt zu
denken.
Auf der militanten Ebene muss die Eigentumsfrage in
Bezug auf die Besitzenden gestellt werden. Wo sind
die Investoren? Welches sind die treibenden Politiker_
innen für die Durchsetzung von Gentrifizierung? Der
Bau von Eigentumswohnungen ist eine konkrete zentra¬
le Frage. Für Arme wird gar nicht mehr gebaut. Und
so werden auch die Geflüchteten
in Container und Zelte gesteckt.
Das kommt andererseits auch
auf andere Arme zu, wenn kein
bezahlbarer Wohnraum ge¬
schaffen wird. Oder die Lager,
in die Geflüchtete gezwungen
werden, finden ein Äquivalent in
den Ghettos der Armen die an
den Stadträndern entstehen. Die
Kämpfe dagegen müssten ge¬
meinsam geführt werden, wenn
es eine Chance auf Veränderung geben soll.
Das ist auch eine Voraussetzung für eine antifaschi¬
stische Positionierung zur Frage der Armut. Wir müssen
den Nazis den Raum nehmen, Armut gegen Geflüch¬
tete auszuspielen. Das geht nur, wenn wir internatio¬
nalistisch gegen ihr national-soziales Gerede denken
und handeln und eine Solidarisierung mit allen von
Armut Betroffenen hergestellt wird. Der militante Teil
der Antifa müsste sich offen mit den Ausgegrenzten
solidarisieren. Von der staatstreuen Antifa erwarten
wir sowieso nichts Gutes mehr.
Es gibt ja in vielen Städten viel mehr symbolische
Besetzungen, als solche, bei denen man merkt, da
wollen Leute wirklich ein Haus oder einen Ort ha¬
ben. Ist das in Berlin anders?
X: Na, ich glaube aktuell sind die Besetzungsver-
suche in Berlin auch oft eher symbolisch. Das müsste
gesellschaftlich breiter diskutiert werden. Es gibt
keinen Begriff davon, dass eine Linke eine soziale
Bewegung als Grundvoraussetzung braucht, die breit
aufgestellt ist und viele Leute mit ins Boot holt. Eigent¬
lich müssten wir jeden Tag vor den Billigsupermärkten
stehen und und sagen: „Können Sie eigentlich noch ihre
Wohnung zahlen? Können Sie sich vorstellen zusammen
mit uns ein Haus zu besetzen?“ Und das an jeder Ecke
zu diskutieren und die Leute anzuhören, um zu wissen,
warum trauen sich die Leute das nicht, wo fehlt es
ihnen an Selbstbewusstsein? Es geht nicht mehr darum,
ob ein paar dutzend Leute nen Haus besetzen. Son¬
dern darum, dass vier- bis fünftausend Leute konkret
durchsetzen, dass ein paar mehr Leute wo unter kom¬
men können und dass diese nicht geräumt werden.
Es muss eine Strategie entwickelt werden, wie die
Eigentumsfrage angegangen werden kann.
(...) Das praktisch zu übersetzen, muss eine Bewegung
in den konkreten Kämpfen und Situationen schaffen.
Denn es kann ja nur jeweils neu geguckt werden, was
gerade geht.
Y: Es gibt ja auch militante Antworten. Zum Beispiel
werden bei bestimmten Eigentumswohnungen immer
wieder die Scheiben eingehauen. Und da sagen dann
auch Leute: Jetzt reichts mir, ich ziehe weg. Das finden
wir super. Aber es ergibt natürlich noch keine soziale
Organisierung.
Wie schaffen wir es, dass sich ein ganzes Mietshaus
weigert auszuziehen, sich kündigen zu lassen, obwohl
das Recht nicht auf ihrer Seite ist? Das muss man
ausprobieren, da muss man Erfahrungen mit Leuten
machen. Dazu braucht es breite Bewegungen, auch
nicht korrupte bürgerliche Teile, da muss das Subpro¬
letariat bei sein, das integriert ist. An solchen Punkten
muss man rumexperimentieren.
X: Man kann auch eine Kampagne
machen, Eigentumswohnungen zu
schrotten oder zu besetzen, solange
nicht geklärt ist, wie der Rest der
Bevölkerung gut wohnen kann. Das
ist jetzt natürlich nur nen kleiner
Schritt. Aber man muss irgendwo
ansetzen und sich nicht von besitz¬
standswahrenden Linken aufhalten
lassen.
Bewegung braucht keinen Konsens, sondern Dynamik,
in der auch Fehler gemacht werden können, aus denen
gelernt werden kann. Man darf Bewegung nicht len¬
ken wollen. Wir müssen wieder lernen revolutionär zu
denken und zu handeln. Wir müssen auf Leute zuge¬
hen, wenn wir mit welchen zusammen kämpfen wollen.
Die Leute kommen nicht zu uns. Wir müssen uns auf
den Weg zu denen machen. Vor dem Supermarkt, im
Job-Center, im Flüchtlingslager... Und die Menschen
miteinander in Verbindung bringen.
Welche Rolle kann eine militante Praxis da spielen?
Y: Wir müssen deutlich machen, dass es gar nicht
mehr so viele Alternativen gibt, für Leute, die in der
Innenstadt wohnen bleiben wollen, für Geflüchtete,
die illegalisiert werden und für viele Andere. Massen¬
militante Aktionen sind dann sicher eine Möglichkeit,
konkrete Forderungen durchzusetzen und die gesell¬
schaftlichen Verhältnisse insgesamt in Frage zu stellen.
Dazu gehört auch, den Kampf gegen die Repressi¬
onsorgane aufzunehmen, die die Scheiße ja immer
wieder durchsetzen.
X: Bei den klandestin organisierten Gruppen liegt ja
auf der Hand, was zu tun sein könnte. Verantwortliche
haben Gesichter, Wohnungen, Autos...
Wen meist du jetzt mit Verantwortliche?
X: Na
Investoren,
Nazis,
Richter,
Leiter von
Flücht¬
lingsla¬
gern, die,
die Abschiebungen organisieren, Firmen die Grenz¬
zäune bauen, die an den Geflüchteten verdienen,
Waffenproduzenten. Da muss man sagen: Wir wollen
dem nicht weh tun, aber wir stoppen jetzt mal je¬
manden - ohne die Auseinandersetzung zu militarisie¬
ren. Denn das würde den Eliten in die Hände spielen.
Die klandestinen Gruppen brauchen aber auch eman-
zipatorische Bewegungen, auf die sich beziehen kön¬
nen, die sie mit ihren Aktion unterstützen können, die
sie befeuern können. Denn alleine werden sie wenig
reißen können.
Wichtiger ist, dass sich eine Bewegung insgesamt
militant denken muss, selbst wenn sie nicht Nachts los
zieht. Und sie muss als anarchistische er¬
kannt werden. Es muss klar sein: das sind
die, die gegen die Eigentumsverhältnisse
sind, gegen die Festung Europa, gegen
Militarisierung etc. Das muss sich als sozi¬
ale Organisierung verkörpern, nicht über
Transparente. Das drückt sich vielleicht
darin aus, dass Geflüchtete eine Miet¬
kampfdemo unterstützen und kämpfende
Mieterinnen die Gefüchteten. Dieses
Verhältnis muss deutlich werden.
Y: Ja, die Linke ist da noch viel zu oft veralteten
Konzepten verhaftet und vertritt eher die Positionen
der etablierten Mittelschicht. Ihre Lebensperspektiven
sind oft in Abgrenzung zu den Armen entwickelt. So
sehen dann auch ihre Utopien aus. Arme haben keinen
Grund, sich einer solchen Linken anzunähern. Anarchi¬
stische Prinzipien müssen dagegen sichtbarer werden
— ohne das alle sich als solche verstehen müssen. Der
unmittelbare Kontakt schafft das Vertrauen, nicht das
abstrakt geschriebene Flugblatt. Auch kein karitatives
Verhältnis zu den Leuten, mit denen man Zusammen¬
arbeiten will.
35
Wut.Brüche
Dies soll ein Text sein an alle, die Wut in sich tragen.
Wut über die sexistischen- und gewalttätigen- und
unterdrückenden Verhältnisse in denen wir leben und
die sich immer wieder zusammenschließen und über¬
all wirken. Wut über das Nichtverhalten. Wut über
fehlende Solidarität untereinander. Wut darüber wie
damit umgegangen wird und Wut darüber wie von
uns erwartet wird damit umzugehen, nämlich gar nicht
wütend oder gewalttätig sondern verständnisvoll und
nicht explosiv.
Ich werde in diesem Text die Kategorie Frau aufma-
chen, hiermit meine ich eine soziale Kategorie. Mir ist
wichtig, Frau zu benennen. In ihrer Sozialisation, des
Hinnehmens, Ertragens und anderen Menschen das Le¬
ben zu erleich¬
tern. Ich spreche
von einer So¬
zialisation die
ab dem ersten
Tag des auf der
Welt seins be¬
ginnt. Vor allem
aus diesem Hin¬
tergrund schrei¬
be ich, weil er mich so lange Ohnmächtig hat sein
lassen und auch oft noch macht. Es ist meine Perspek¬
tive aus der Position in die ich hinein gegendert wurde.
Ich finde es wichtig, Frau als gesellschaftliche Kate¬
gorie zu sehen, weil Frau die gesellschaftliche Rele¬
vanz genommen wurde und sie vielmehr als Zusatz
des Mannes betrachtet wird, (natürlich werden an¬
dere Abweichungen vom weißen Mann, ebenso wie
Frau sein als nicht normal betrachtet und unterliegen
strikten Unterdrückungsstrukturen, die nur bis zu einem
bestimmten Punkt benannt werden dürfen, nämlich bis
zu dem wo die Benennung anfängt an dieser Macht
zu knabbern) In dieser Betrachtung kann ich nicht von
einer Gleichheit sprechen, da diese nicht existiert.
Deshalb ist eine Organisierung, eine Solidarität unter
Frauen notwendig um aus der Herrschaft auszubre¬
chen. Solange wir nicht befreite Frauen sind, fällt es
schwer Seite an Seite mit Männern zu kämpfen.
Ich plädiere für die Abschaffung des Mannes! 1
Auch Passiv ist Aktiv. Nichtverhalten ist eine
Positionierung und ist Gewalttätig
Jede Frau die ich kenne hat sexistische Gewalt erlebt,
die meisten auch Vergewaltigung. Jede dieser Frauen
hat auch erlebt oder weiß, dass sie durch ein
Öffentlich machen dieser Gewalt mit Ausschlüssen zu
rechnen hat (z.B. Verlust des halben Freundeskreises,
Vermeidung von Räumen durch fehlende Solidarität...)
Dieses passiert nicht irgendwo, sondern in unseren
Freundeskreisen und politischen Verbindungen, es
passiert in unserem Kampf gegen das kapitalistische
System, es sind vermeintliche Mitstreiter. Und
das macht Sauer, wir gehen von Solidarität und
Verständnis aus und finden Ignoranz und Reproduktion
von Herrschaft. 2
Nicht selten passieren Schuldzuweisungen an die be¬
troffene Person, dass nicht alles so sei wie vorher, dass
durch sie der Freundeskreis zerbrochen sei, dass sie
überdramatisiere oder eine Auseinandersetzung
erzwungen werde.
Das Problem ist die Struktur die dahinter steht, eine
täterfreundliche Umgebung zu schaffen. Es ist nicht
nur, dass solche Taten passieren, damit würde Frau
umzugehen wissen. Es ist ebenso der sich stetig wie¬
derholende Umgang damit.
Täterschützende Strukturen werden auch unterstützt,
in dem sich nicht verhalten wird. Es gibt keine passive
Seite, auch Passivität ist eine klare Entscheidung. Es
ist eine Entscheidung für die Täter. Dieses Schweigen,
das sich um die Täter kümmern, erst einmal seine Sicht
hören, bloß nicht zu hart urteilen, bloß keine Feh¬
ler machen oder aber schlicht und ergreifend alles
zu ignorieren. Das ist eine Form der Gewalt, die ist
unsichtbar, nicht angreifbar. Sie eröffnet Schutzräume
für Täter. Wir können in einem solchen Zustand, nicht
von einem gewaltfreien-, pazifistischen Etwas inner¬
halb der Szene ausgehen.
Es ist schwer sich dagegen zu wehren, wenn gesagt
wird: „ja ich steh auf deiner Seite“ aber nicht gehan¬
delt wird. Immer wieder gefordert werden muss sich
zu verhalten.
Denn einfach nichts zu machen, heißt zu akzeptieren,
heißt sich keine Probleme zu schaffen, heißt zu be¬
haupten Mann habe damit nichts zu tun. Denn selbst
wenn die theoretische Einsicht da ist, der hat was
falsch gemacht, hilft es nicht Nichts zu machen und sich
rauszuhalten. Denn das Problem von sich zu weisen,
zeigt, dass keine Beziehung zu sich selbst und der
eigenen Rolle und Verantwortung hergestellt wird.
Sage ich einer Frau nicht, „ey pass auf der hatte da
schon son paar,schräge Sachen’“, dann begebe ich
sie in die Gefahr das auch ihr ein paar „schräge
Sachen“ passieren, konfrontiere ich einen alten Freund
nicht mit der gemachten Scheiße, sage ich ihm, „hey
live goes on“ und er wird sich nicht stellen müssen.
Denn verdammt nochmal jede_r ist verantwortlich
dafür, dass sich die Scheiße nicht wiederholt und dass
der Typ nicht einfach weiter sein Ding durchzieht!
Ich frage mich wo ist die (praktische) Solidarität?
Hierbei sollten Überlegungen wie Mensch von anderen
wahrgenommen wird, keine Rolle spielen, Scheiß doch
drauf was die Szene über dich sagt wenn du dich
richtig verhalten kannst! Ich ärgere mich aber nicht
nur überfehlende Solidarität mit der direkt be-
troffenen Person, sondern oft genug werden auch ihre
Unter-stützer_innen nicht ernst genommen oder ange¬
griffen und ausgeschlossen oder für das Geschehene
verantwortlich gemacht.
Leider spreche ich auch nicht nur von fehlender Soli¬
darität von Männern zu Frauen, denn viel zu oft sind
es die Frauen selber, die nicht solidarisch agieren. Sie
suchen den Fehler bei der Frau und ein Verständnis für
den Mann. Was ich vermisse ist eine tiefe Grundsoli¬
darität. Natürlich gibt es Orte an denen es sie gibt,
aber nur wenige. Ich wünsche mir mehr Frauen*Orte
aufzubauen und Solidarität praktisch zu leben.
Ich habe beobachtet, wie unter vier Augen Solidarität
gezeigt wird, diese aber verfliegt, sobald sich öffent¬
lich Verhalten werden soll. Oder auch mal ein eigenes
Verhalten ohne direkte Aufforderung angebracht
wäre. Position zu beziehen ist notwendig, denn ein
Nichtverhalten schafft eine Positionierung.
Und diese Positionierung ist eine für den Täter.
Auch wenn die sich nicht verhaltende Person nicht der
anfängliche Aggressor war, nicht vergewaltigt hat,
nicht (direkt) Gewalt ausgeübt hat, so verhält sich das
Nichtverhalten als eine unterschwellige Gewalt. Die
Umgebung der Gewalt bleibt, es schafft und erhält
Struktur!
Das Nichtverhalten macht Hilflos, es lässt Personen, die
Gewalt erlebt haben, immer wieder das Selbe spü¬
ren, das sie bei sich selbst erlebt haben. Sie lässt die
Opfer Opfer bleiben.
Es schmerzt und es macht sauer wenn immer wieder
dieser Fall eintritt, wenn immer wieder gesagt wird,
„naja eigentlich ist er ja total nett, nur in diesem Fall
irgendwie nicht, aber politisch ist der ja auch sonst voll
ok.“ Ich brech gleich!
Das führt zu einer gefährlichen Vermischung. Die
Codes sind klar, jedoch nur an der Oberfläche, das
Innere bleibt herrschaftlich, patriarchal und nicht auf
sich selbst bezogen kritisch hinterfragt. Die Spra¬
che wird genutzt um sich unangreifbar zu machen.
Schlimmer noch wenn die Werkzeuge des Feminismus
genutzt werden um das eigene Verhalten zu rechtferti¬
gen. Sie zerstören unseren Zusammenhalt.
Vielleicht sollten wir aufhören unsere Energie in die
Bildung des Mannes zu stecken, sondern uns unserer
selbst und unserer Bedürfnisse klar werden.
Wir sollten uns zusammenschließen und sagen, so geht
es nicht weiter.
Ich kämpfe nicht mehr weiter mit denen, die mich
unterdrücken wollen oder den Unterdrückern ein Klima
schaffen in dem sie bemächtigt werden zu machen
was sie wollen. In dem sie immer wieder zu Tätern
werden. In dem ihnen so vorsichtig
gesagt wird, sie hätten da irgend¬
wie einen Fehler begangen ohne
das es ihnen auch mal so richtig
schlecht geht.
Sexismus ist kein Nebenwieder-
spruch er ist gelebte Herrschaft,
angewandte Unterdrückung und
das, System und Struktur übergreifend. Feminismus
dient nicht zur Spaltung, ist nicht gemein oder aus¬
schließend, sondern ist notwendig um Machtstrukturen
aufzudecken, sich gegen diese zu wehren und zu einer
Gesellschaft zu gelangen, die nicht durchfressen ist
von Gewalt, Macht und Ausgrenzung.
Kampf gegen das System und gegen das Patriarchat
stellen also keinen Wiederspruch dar, vielmehr sind
diese Kämpfe untrennbar miteinander verbunden.
„Ich kann das ja nicht einschätzen, ich war ja nicht da¬
bei“ Natürlich warst du nicht dabei, wer ist schon bei
sexuellen Übergriffen dabei! Sie passieren
unterschiedlich und vielschichtig sie sind oft erst spät
realisiert, sie sind oft mit anderen Mechanismen ver¬
strickt und sie bedürfen der Zuwendung an die betrof¬
fene Person und nicht des Täters.
Ich bin nicht bereit zu akzeptieren! Ich möchte kein
Verständnis mehr für den Mann aufbringen, sondern
lernen ein Verständnis der Frau zu entwickeln. Ich bin
nicht bereit die Wut einfach runter zu schlucken und so
wie ich es gelernt habe in mich hinein zu fressen. 3
Die Dinge beim Namen nennen
Mimikry. Das Verstecken und schlagen mit den
eigenen Waffen
Oft genug konnte ich beobachten, wie Männer durch
die Hilfe von Frauen*, sich eine szenetaugliches femi¬
nistisches Vokabular angeeignet haben. Und dieses
dann gegen die Frauen verwenden. Die Aneignung
von Form und Sprache des Feminismus führt zu einer
gefährlichen Form von Mimikry, also einer Tarnung
unter Feministinnen.
Der Feind wird unsichtbar. Der Mann fühlt sich den
Frauen näher, er kann sich auch in radikal femini¬
stischen Kreisen bewegen, er kennt die Theorie, jedoch
ist sie nicht internalisiert.
Der Ausspruch „ich bin vergewaltigt worden“, wird zu
etwas persönlichem reduziert, über das du nicht spre¬
chen darfst, weil es irgendwie ja deine Schuld ist. Be¬
halte es lieber als dein privates Geheimnis, weil Mann
nicht weiß wie damit umzugehen ist, es macht Angst.
Aber Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt ist kein
Privatproblem einiger Ausnahmen. Es hat Struktur, es
ist die Lebensrealität von vielen. Es gibt keine Schutz¬
räume, nicht in der „Szene“, nicht in „der Beziehung“
und auch nicht in Freundschaften. Vergewaltigung und
sexualisierte Gewalt sollte nicht als Einzelerfahrung
degradiert werden, zu psychischer- und sozialer- Iso¬
lation, sondern zu einem gesellschaftlichen Umgang
führen. Auch einfach eine Therapie zu machen, um
das irgendwie mit sich selbst zu klären, schützt uns
37 nicht davor, dass sich die ganze Scheiße immer
wiederholen kann. Es kann keinen isolierten Umgang
mit diesem Problem geben. Der Umgang es zu einem
Geheimnis zu machen führt dazu, dass die Gewalt
unsichtbar bleibt, rede nicht darüber, dann passiert es
auch nicht, rede nicht darüber, denn der kann so was
doch gar nicht. Rede nicht darüber, denn du bist
diejenige, die die Harmonie zerstört und verantwort¬
lich dafür ist, dass Freundeskreise zerbrechen. Rede
nicht darüber oder willst du nur noch als Opfer
gesehen werden?
Redet nicht miteinander darüber, dann wissen wir auch
nicht wie oft es passiert.
Es ist eine klare Unterdrückungsstruktur, der
Verschleierung und der Isolierung.
Es ist Aufstandsbekämpfung durch das Patriarchat.
Wenn wir nämlich wissen wir sind
nicht alleine, können wir daraus
Kraft ziehen und uns organisie¬
ren, unsere Ohnmacht umwan¬
deln in Wut. Und unsere Wut
in Kampf. Wenn wir uns nicht
Isolieren lassen, nicht schweigen,
dann gibt es eine klare Gegen¬
gewalt, wir benennen was pas¬
siert ist. Vor dieser Gewalt, der
gegenGewalt der Frauen, den
Zusammenschluss, hat das patri¬
archale cis-tem, nicht ohne Grund Angst und versucht
es durch die Kraft der Vereinzelung zu unterbinden.
Gewalt und gegenGewalt
An dieser Stelle braucht es vielleicht einen Gewalt¬
diskurs. Wie ich bereits geschrieben habe, gehe ich
bereits von einer gewalttätigen Struktur aus in der wir
leben. Diese Struktur bedeutet, einen ständigen Um¬
gang damit zu finden Gewalt ausgesetzt zu sein aber
auch mit der stillschweigenden Hinnahme von Gewalt,
sowie für diese Gewalt durch die eigene Person ver¬
antwortlich gemacht zu werden. Was bedeutet Ge¬
walt und lässt sich Gewalt von Frauen einfach mit der
von Männern gleichsetzten? 4
Gewalt von Frauen wird oft als hysterisch
abgestempelt.
Doch es ist nicht Hysterisch sondern Wut. Ich frage
mich warum wird diese Wut nicht angenommen, aner¬
kannt und respektiert. Warum wird der Fehler in der
Form der wütenden Person gesucht und nicht in dem
was die Person umgibt? Warum wird die Wut nicht
unterstützt und als eine Form des legitimen sich-zur-
Wehr-setzens gesehen?
Warum wird nur die Form betrachtet und der Inhalt
zumeist ausgeblendet? Warum fragen sich die Per¬
sonen auf die sich die Wut richtet nicht was sie ge¬
macht haben, dass jemensch die Kontrolle über sich
verliert?
Eine Frage die sich stellt ist, müssen wir in antago¬
nistischen Denkmustern verharren, also ein stetiges
Gegeneinander und vernichten der anderen Seite
mitdenken? Wenn Frauen gegen Gewalt kämpfen,
dürfen sie dann gegenGewalt anwenden?
Wenn Frauen gegen den Kapitalismus kämpfen, dür¬
fen sie dann ihre Energie auf den Kampf der Frau¬
enbefreiung richten? Verteidigung ist legitim, Angriff
nicht? Denn Angriff bedeutet eben manchmal Vertei¬
digung.
Ich denke diese Dinge stehen nebeneinander und sind
verbunden.
Ich wünsche allen Frauen einen Wutausbruch, genau
an der richtigen Stelle. Nämlich an den Mann gerich¬
tet und eben nicht diese Gewalt umzudrehen und auf
sich selber zu richten.
Militante Frauen kämpfen
und das bedeutet in allen
Bereichen des Lebens, ob
gegen Bullen oder das
Patriarchat!
Und dieses nicht um
selber Macht auszuüben,
sondern sich und ihre Ide¬
ologie radikal zu vertei¬
digen und umzusetzen.
Ich weiß, dass es Angst macht diese Gewalt zu spüren,
sie in sich zu tragen und auszuüben. Es ist die Gewalt,
die in unseren Körpern gespeichert ist, sich über Jahre
und Jahrzehnte festgesetzt hat. Diese Gewalt loszu¬
werden ist erschreckend, gerade wenn mensch Gewalt
ablehnt. Doch sie wird ihren Weg finden und sich
äußern, in den meisten Fällen gegen sich selbst. Es ist
befreiend die eigene Wut zu artikulieren, ihr nachzu¬
gehen, sie abzugeben. Auch wenn das Mittel schwierig
ist.
Aber wir sind alle Menschen, tragen Gewalt in uns und
sollten uns diesem und unserer Kraft bewusst werden.5
Wir sind keine Opfer des schwächeren Geschlechts,
sondern wir können uns sehr wohl zur Wehr setzten.
Zur Verantwortung
Ich denke Menschen gehören nicht sich selber, sondern
sie existieren durch die Beziehungen, die sie mit ande¬
ren Menschen haben. Dadurch ist es, wenn jemensch
weggeht so, als würde ein eigener Teil des Selbst
gehen. Ich denke, uns wurde gesagt, wir seien für uns
selbst verantwortlich und das stimmt auch, aber zu
diesem Selbst gehören so viele Teile, die aus anderen
Menschen bestehen, dass wir selbst wunderbar zu¬
sammen geklebte Menschen aus vielen Anderen sind
und jede Person ist wichtig und jede macht uns zu dem
was wir sind, deshalb können wir nicht über uns selbst
bestimmen, ohne auch über die anderen zu bestimmen.
38
Solidarität
Solidarität unter Frauen und auch der Ausschluss von
Männern, kann zu etwas Gemeinsamen führen. Nur
ist es zunächst wichtig sich ohne den Mann bewusst zu
werden. Eine Unterdrückungsstruktur los zu werden.
Im Kampf um die Freiheit ist das ein geringer Preis.
Wichtig erscheint es mir, männliche Denkmuster abzu¬
legen und eigene aufzubauen. Sich zunächst um sich
zu kümmern, wie mit dem Mann umgegangen wird
ist erst einmal nicht die Frage. Sich zu lösen und auf
Distanz zu gehen hat eine ideologische Perspektive,
es heißt sich zu lösen von einer männlichen Sicht auf
die Welt. Wenn diese Trennung in sich vollzogen
ist, eigene Perspektiven aufgebaut sind, dann kann
etwas Neues entstehen.
Die organisatorische Abspaltung vom Mann erscheint
mir als eine wichtige Grundlage zum Aufbau einer
weiter führenden Idee.
Männliche Strukturen abzulehnen ist (auch) deshalb
wichtig, weil wir sie reproduzieren. Jeder Mensch
steht nicht alleine in der Welt, sondern ist ein Er¬
gebnis aus dem was mensch erlebt hat. Wir sind
Fragmente aus unterschiedlichen Personen, die in uns
manifestiert sind und ihr Eigenleben in uns führen. Alles
hat einen Effekt auf uns und wir haben einen Effekt
auf andere. Deshalb ist es unmöglich Entscheidungen
ausschließlich für uns zu treffen. Denn diese Entschei¬
dungen bestimmen auch die anderen.
Die Verbundenheit der Dinge untereinander ist ein
wichtiger Schlüssel um sich seiner Verantwortlichkeit
bewusst zu werden. Die politische Perspektive von Ver¬
bundenheit ist Solidarität. Mit anderen Worten können
wir es auch Liebe nennen.
Dieser Text entstand aus vielen Gesprächen zwischen
Freundinnen, die gegenseitige therapeutische- und
radikalisierende Wirkung auf uns hatten.
Ich danke euch für eure enorme Stärke mit dieser
ganzen Scheiße umzugehen.
Ich liebe euch wütend und mit großer Klappe!
(September 2015)
3 „Wie jede unterdrückte Klasse lernen Frauen, den eigenen
Zorn fürchten. Unser Zorn ist furchterregend, und das hat sei¬
nen Grund. Wir wissen, wenn er sich jeh Bahn brechen sollte,
werden wir womöglich verletzt, oder schlimmer noch verlassen
- ein zuverlässiges Maß für soziale Privilegiertheit ist, wie viel
Zorn man äußern kann, ohne einen Rauswurf, Verhaftung oder
soziale Ächtung fürchten zu müssen. Deshalb schlucken wir
unseren Zorn hinunter, bis er wie verdorbenes Essen in und gärt
und uns krank macht.“
Laurie Penny „Unsagbare Dinge, Sex, Lügen & Revoluti¬
on
4 Rhetorische Frage ;-)
5 „Ich konnte einfach nicht mehr die ganze Scheiße ertragen
ohne mich zu wehren. Ich konnte nicht im Bett liegen und heu¬
len. Ich wollte nicht alles in mich rein fressen sondern, dass es
genau dort landet, all die Scheiße die in mir drin ist. Ich meine
letztendlich war es ein riesen Wutausbruch. Ich denke das was
an Gewalt in einen rein gesteckt wird kommt auch manchmal
wieder raus und so war es. Die ganze scheiß gespeicherte
Kacke in meinem Körper und die hat sich entladen in diesem
Moment. Und ich bin froh dass sie nicht in mir und im totalen
Zusammenbruch im Hinnehmen und sich nicht wehren gelan¬
det ist. Auch wenn dieser Zusammenbruch wahrscheinlich grad
vor der Tür steht und auf mich wartet und ich Angst habe, ne
scheiß Angst vor mir selber und niemals klar zu kommen. Aus
meiner Haut raus will und das endlich alles gut ist und ich hab
soviel gearbeitet daran und dann passiert so was. Ich hab ne
scheiß Angst vor der Welt. Vor Menschen denen ich vertraue
und zu vertrauen. Ich habe Angst mich soviel zusammen zu
reißen die ganze Zeit, zu versuchen die Kontrolle zu bewah¬
ren, dass solche Ausbrüche kommen. Die Kontrolle so doll zu
verlieren über mich dass alles überhand nimmt und ich davon
verschluckt werde und ich weiß das wird sich dann nicht gegen
andere richten.“ Erfahrungsbericht nach einem Wutausbruch
einer Frau.
1 nur ein kurzer Hinweis an all diejenigen, die es wieder einmal
nicht schaffen diesen Text zu lesen ohne sich zu ärgern oder
sich sofort zu rechtfertigen. Bitte rechtfertigt euch doch zu¬
nächst vor euch selber, reflektiert euer Verhalten und die
Struktur in der ihr euch bewegt. Vielleicht ist es auch so, dass
wir einfach keine Freund_innen werden, so schlimm ist das ja
auch nicht. Aber eins könnt ihr euch überlegen, ist dieser Text
an euch gerichtet und müsst ihr zu allem etwas sagen?
2 „...Es macht uns Angst zu merken, unsere Wut richtet sich
nicht nur gegen die Bullen, die Institutionen, gegen all das, zu
dem wir ohnehin keine Nähe verspüren.
Es macht uns Angst, wie umfassend unsere Wut sein kann,
wenn wir zulassen, dass sie keinen Halt macht vor denen, die
wir Gefährt_innen oder Freund_innen nennen, dass es
oft genau diese sind, gegen die wir, ganz unmittelbar, zu kämp¬
fen haben. Es macht uns Angst, beim Umschauen festzustellen:
Es sind nur wenige, noch weniger als wir dachten, die bereit
sind, mit uns diese Kämpfe zu führen, die bereit sind unsere
Wut - auch gegen sie - anzunehmen...“ „can't hold us down“,
ramasuri magazin für die revolte Nr.l, März 2015.
Ich empfehle allen den ganzen Text zu lesen! 4
"If I had a hammcr...
I'd SMASH Patriarchy"
Kaufen gegen den Kapitalismus!?
In diesem Text wird der Einfachheit halber nur die
weibliche* Form verwendet. Jede andere Geschlech¬
teridentität ist mitgemeint.
Aufgepasst: Begriffe wie Kapitalistin oder Profit sind
oft moralisch aufgeladen, bei uns stehen sie nur für
ökonomische Kategorien.
Einleitung
Man hört es oft: Die Welt wäre ein besserer Ort,
wenn die Leute nur richtig, weil bewusst, konsumieren
würden. Egal ob immer mehr Lebensmittel mit viel
kritisierten Technologien (Stichwort Genmanipulation)
produziert werden, Produkte unter verabscheuungs¬
würdigen Bedingungen für Mensch und Tier entstehen
oder eigentlich noch brauchbare Sachen einfach weg¬
geworfen werden — für Kritikerinnen des Konsums liegt
die Lösung nahe. Sie selbst und alle anderen sollen
ethisch korrekt konsumieren. Dieser ethische Konsum
kann dabei unterschiedlichste Formen wie FairTrade
oder auch regional und biologisch einkaufen anneh¬
men.
Dabei sehen wir ein Problem: Veränderter Konsum
führt gar nicht zur Abschaffung der ganzen Misstän-
de, diese haben ihren Grund woanders. Damit diese
falschen Vorstellungen über den Konsum aus den Köp¬
fen der Leute verschwinden und wir uns an die Besei¬
tigung der wirklichen Gründe der Misstände machen
können, haben wir diesen Text geschrieben.
Was ist es nun, was den Konsum wirklich bestimmt
und was ist von der behaupteten Konsumentinnenn¬
macht zu halten? Konsum lässt sich ganz grundsätzlich
so beschreiben: Menschen ziehen aus Dingen oder
Dienstleistungen einen gewissen Nutzen. So zieht man
Schuhe an bis man neue braucht, beim Frisör werden
die überflüssigen Haare abgeschnitten, und das Brot
wird jeden Morgen mit Nutella bestrichen und dann im
Magen verstaut.
Diese Güter (und Dienstleistungen) sind einerseits in
unserer Gesellschaft massenhaft vorhanden, die Su¬
permarktregale sind gut gefüllt und meistens quellen
sogar noch die Müllcontainer dahinter vor brauch¬
baren Sachen über. Eine super Sache, könnte man sich
denken. Man braucht einfach nur zuzugreifen und hat
alles was man so braucht.
Voller Supermarkt und leerer Magen — wie passt das
zusammen?
Jetzt kommt die andere Seite: Man ist nämlich vorerst
von all diesen nützlichen Dingen getrennt, man kann
sie nicht einfach nehmen. Naja, man kann schon — bis
man erwischt wird und sich in einer Gefängniszelle
erstmal keine Sorgen mehr um Konsum machen muss.
Was das Konsumieren dieser Dinge verhindert, ist,
dass diese Dinge Eigentum anderer Menschen sind.
Um trotzdem konsumieren zu können, gibt es ein, und
nur ein, Mittel in unserer Gesellschaft:das Geld. Die
Bettlerin schnorrt einen dafür an,
um sich damit Brot für den Magen
und Schnaps gegen die Kälte zu
kaufen, der Supermarkt wills für
die Milch und das Brot. Selbst
wenn man sich denkt man schlägt
der Gesellschaft ein Schnippchen und stellt die Güter
die man braucht selbst her, muss man Geld hinlegen:
für Ackerboden, Produktionsmittel, Werkstoffe usw..
In dieser (kapitalistischen) Gesellschaft sieht es so aus:
Ohne den Tausch “Geld gegen Ware” ist in den aller¬
meisten Fällen nichts möglichl. Hier kann schon etwas
über die sogenannte Konsumentinnenmacht gesagt
werden — Kein Geld, keine Macht Ware zu kaufen.
Kapitalistinnen und Arbeiterinnen:
Alles Schnee von gestern?
Das einzige Mittel, welches die Konsumentinnenmacht
aufbieten kann, das Geld, hat eine Besonderheit:
Man besorgt es sich nicht ein einziges Mal und hat
dann genug davon für den Rest des Lebens, ganz im
Gegenteil: Jedes Mal wenn man es benützt um an die
Güter die man braucht zu kommen, wird das Geld
weniger. Und da der Mensch auch ständig konsumie¬
ren muss — Lebensmittel müssen regelmäßig gekauft
werden, die Miete jeden Monat bezahlt werden
- braucht jeder eine ständige Geldquelle.
Sich eine Geldquelle zu besorgen ist für alle Men¬
schen notwendig — alle sind zuerst mal ausgeschlossen
von den Dingen die sie brauchen, und brauchen stän¬
dig Geld um diese Trennung zu überwinden. Wie die
Lebensumstände eines Menschen in dieser Gesellschaft
aussehen, ergibt sich aus der Art der Geldquelle die
er besitzt.
Die erste Gruppe von Menschen hat schon ziemlich
viel von diesem Geld (oder geldwerten Sachen wie
Fabriken und ähnliches). Und zwar soviel davon,
40
dass der Geldbedarf für den normalen Konsum leicht
gedeckt ist und immer noch ein Haufen übrig bleibt,
für den sich eine Verwendung finden lässt. Diese Leute,
die übrigens nur ein verschwindend kleiner Anteil aller
Leute sind, nennt manKapitalistinnen. Die Verwendung,
die sie für ihr Geld haben, nennt sichGeldanlage.
Das funktioniert im Großen und Ganzen so, dass das
Geld für eine gewisse Zeit weggegeben wird und
vermehrt zurückkommt. Von diesem Ertrag können die
Kapitalistinnen dann leben und ihr Geld wieder auf
die Reise schicken um noch mehr Gewinn zu machen.
Die zweite Gruppe hat ziemlich wenig bis gar kein
Geld — und was sie davon hat, muss sie für den
täglichen Konsum ausgeben. Den Menschen in dieser
Gruppe bleibt nur eine Option um an das benötigte
Geld zu kommen: Sie müssen ihre Arbeitskraft ver¬
kaufen 2. Deswegen nennt man diese Menschen auch
Arbeiterinnen 3.
Wir sind zwar ziemlich gescheite und vertrauens¬
würdige Menschen, aber ihr müsst nicht unbedingt
unser Wort dafür nehmen, dass die Aufteilung der
Gesellschaft wirklich so ist. Die Arbeiterkammer hat
z.B. herausgefunden, dass 5% der Österreicherinnen
über die Hälfte des Vermögens gehört. Übrigens
trifft diese Verteilung des gesellschaftlichen Reich¬
tums nicht nur auf Österreich zu. Diese Verteilung fin¬
det sich in jedem Staat der Welt. Das ist weder ein
Zufall noch ein großes Geheimnis. Wer die Gesell¬
schaft verstehen will, muss nicht nach Verschwörungen
und geheimen Machenschaften suchen. Dafür reichen
auch öffentlich zugängliche Daten und Fakten.
Der Arbeitsplatz: Zwei Klassen treffen sich...
Wir haben festgestellt, dass die Arbeiterinnen ihre
Arbeitskraft verkaufen müssen, denn sie brauchen
Geld — nur damit kommen sie an all die Sachen, die
sie brauchen. Ihre Arbeitskraft kann jedoch nur von
Menschen gekauft werden, die genug Geld besitzen
um einerseits ihren eigenen Konsum zu finanzieren
und andererseits noch genug Geld für Invesitionen
übrig haben. Es wird euch nicht überaschen: Die oben
genannten Kapitalistinnen besitzen dieses Geld und
nutzen es um Arbeiterinnen für sich arbeiten zu lassen,
auch dies ist eine Form der Investition.
Dass das so ist, das merkt man schon an der Arbeits¬
platzsuche. Man schreibt nicht einfach ein Facebook-
posting o.ä. mit dem Inhalt “Ich will meine Arbeits¬
kraft verkaufen!”, weil man weiß, dass die meisten
der Freundinnen es sich gar nicht leisten können, eine
einzustellen. Man sucht immer den Kontakt zu einer
Person, die irgendwie mit einem Unternehmen ver¬
bunden ist, damit dort ein gutes Wort eingelegt wird.
Diejenigen die darüber entscheiden ob jemand einen
Arbeitsplatz hat oder nicht sind also nicht einfach alle,
sondern nur eine bestimmte Gruppe — nämlich die
Kapitalistinnen (bzw. ihre unmittelbaren Handlange-
rinnen: Personalmanagerinnen o.ä.).
...die einen aus Not...
Wir haben also festgestellt, dass die Arbeitskraft
von der Kapitalistin gekauft und von der Arbeiterin
verkauft wird. Warum die Arbeiterin verkauft wissen
wir auch schon: Sie braucht Geld. Das gibt ihr die
Kapitalistin, von der wir aber noch nicht wissen, warum
sie die Leute anstellt. Dass das die Kapitalistinnen
machen, können wir überall feststellen, denn Leute be¬
kommen Arbeitsplätze. Um zu ergründen warum das
passiert, lohnt es sich zu betrachten, was die Arbeite¬
rinnen an diesen Arbeitsplätzen eigentlich machen.
Die stehen dort nicht einfach herum oder schauen sich
Youtube-Videos an. Sie arbeiten und stellen damit
Gebrauchsgüter her, oder Dienstleistungen zur Verfü¬
gung. Eine Bäckerin backt Brote, eine Friseurin schnei¬
det Haare, eine Anwältin vertritt einen vor Gericht
— sie stellen also einen Nutzen bereit, den andere
Menschen, warum auch immer, brauchen.
...die anderen für Profit.
Nun interessiert die Kapitalistin an diesem Vorgang
etwas Bestimmtes. Sie kauft sich nicht einfach Arbeits¬
kräfte ein und verkauft dann das Produkt deren Ar¬
beit. Sie interessiert die Relation zwischen der Masse
an Geld das sie ausgegeben hat und der Masse an
Geld das sie eingenommen hat. Dieses Mehr, also wie
viel mehr sie einnimmt als sie ausgibt, ist der Profit 4.
41
Ein kurzes Beispiel soll das verdeutlichen: Wir nehmen
an, dass ein Unternehmen 100 Euro für Materialien
und 50 Euro Lohn für die Produktion einer Ware
ausgibt. Verkauft dieses Unternehmen die Ware dann
für 200 Euro, so hat es einen Profit von 50 Euro er¬
wirtschaftet. Muss das Unternehmen nur 30 Euro Lohn
bezahlen, so erhöht sich der Profit auf 70 Euro.
Warum ist das alles interessant für die Konsumen¬
tinnenmacht? Warum wollen wir euch etwas über
Konsumkritik erzählen und kommen dann mit Profit¬
rechnung? Nun, wenn einem Menschen an der Pro¬
duktion der Profit interessiert, dann ist der Lohn, also
die Menge an Geld welche die Arbeiterinnen für ihre
Arbeit erhalten, immer zu hoch. Je kleiner der Lohn ist,
desto größer
ist der Profit.
Anders
gesagt: Je
größer der
Lohn, desto
kleiner fällt
der Profit
aus. Die Ka-
pitalistinnen
haben also
ein Interesse
daran den
Lohn der Arbeiterinnen möglichst niedrig zu halten.
Und damit sind wir am springenden Punkt: Das Mittel,
womit die Konsumentinnen ihre Macht ausüben wollen,
haben sie erst mal gar nicht selber zur Verfügung, son¬
dern müssen sie sich von einer anderen abholen. Diese
andere, die Kapitalistin, schaut noch dazu, dass vom
Mittel der Konsumentinnenmacht so wenig wie möglich
übrig bleibt! Als Macht bezeichnet man die Menge an
Mitteln, die für die Durchsetzung der eigenen Interes¬
sen zur Verfügung stehen. Wenn nun aber das einzige
Mittel, das ich zur Durchsetzung meiner Interessen zur
Verfügung habe, abhängig vom Interesse einer ande¬
ren ist, wie kann ich da von einer Macht schwärmen,
die ich angeblich besitze?
Und wie wirkt sich das nun aus?
Im ersten Abschnitt wurde generell gezeigt, warum es
mit der Konsumentinnenmacht nicht so weit her ist. In
diesem Abschnitt gehen wir auf verschiedene Formen
dieser falschen Vorstellungen ein, erklären, wieso sie
entstehen, und zeigen was daran falsch ist.
Kundin ist Königin?
Die erste solche falsche Vorstellung steckt schon im
Titel: Die Kundin sei Königin, sei der bestimmende Part
des Verhältnisses, das wir vorher als Konsum bestimmt
haben. So wie die meisten falschen Vorstellungen
bezieht sich auch diese auf einen Umstand, der wirk¬
lich existiert: die freie Konsumentscheidung. Hat man
genug Geld, dann steht einer eine riesige Warenwelt
offen und ganz viele nützliche Dinge zur Verfü¬
gung. Verkauft wird das alles von ständig lächelnden
und freundlichen Verkäuferinnen.
Bevor man diese Freiheit aber nutzen, also konsumie¬
ren kann, muss man zuerst mal dafür arbeiten — nicht
umsonst teilt einem die Sinnspruchwelt mit, dass Geld
nicht auf Bäumen wachse und die Eltern haben einer
früher jeden Wunsch mit dem Hinweis auf die dafür
nötige Arbeitszeit ihrerseits verderben wollen. Dazu
kommt: Die Möglichkeit diese Arbeit zu verrichten,
hängt gar nicht vom eigenen Wunsch danach ab. Nur
weil ich auf der Suche nach Arbeit bin, heißt das noch
lange nicht, dass ich auch welche finde. Das hängt im¬
mer noch von den Berechnungen einer Unternehmerin
ab. Und so passiert es auch, dass genug Menschen
ohne Arbeit sind und eine ständige Arbeitslosensta¬
tistik geführt wird: Sie einzustellen lohnt sich einfach
nicht.
Die Nettigkeiten, die einem vor dem ersehnten Konsum
erwarten, hören aber selbst da noch nicht auf. Die
Rechnungsweise der Unternehmen sorgt dafür, dass
die Chancen auf einen Arbeitsplatz oft ziemlich gering
sind. Die gleiche Rechnungsweise bewirkt aber auch,
dass der Lohn, den man für die verrichtete Arbeit er¬
hält immer möglichst gering ist. Schließlich ist der Lohn
immer ein Abzug vom Profit und nachdem ja gerade
wegen dem Profit erst produziert wird, muss der Lohn
möglichst niedrig gehalten werden.
Die angeblich absolute Macht, welche die Konsumen¬
tinnen haben, stellt sich als bei näherem Hinsehen als
eine ziemliche Illusion heraus. Das Mittel, das sie zur
Ausübung dieser Macht besitzen, wird ihnen nur ge¬
währt, wenn es auch in einem ihnen feindlichen Interes¬
se liegt.
Produziert wird, was gebraucht wird?
Die zweite falsche Vorstellung über den Konsum be¬
trifft das Warenangebot, aus dem ausgewählt werden
kann. Die Leute stellen sich vor, dass die Nachfrage
das Angebot bestimmt. Die Wünsche und Bedürfnisse
der Leute also dafür verantwortlich sind, was es im
Supermarkt und sonst wo zu kaufen gibt. Woher diese
Vorstellung kommt ist auch relativ klar, gibt es doch
fast alles was man sich vorstellen kann zu kaufen.
Sogar Produkte wie Reinigungssocken für Katzen oder
Decken mit Ärmeln, die man sich vielleicht nicht gera¬
de erwartet.
Trotzdem ist die Erklärung, dass die Bedürfnisse der
Menschen der Zweck der Produktion wären, eine
falsche. Warum? Wäre es wirklich so, würde vieles
was man so beobachten kann keinen Sinn ergeben.
Menschen sitzen vor Supermärkten und haben klarer¬
weise ein Bedürfnis nach den Sachen drinnen, müssen
aber zuerst um Geld betteln um daran zu kommen.
Leute erfrieren im Winter, obwohl genug Wohnungen
und Heizungsmittel da sind. Daran zeigt sich, dass
zwar viele Bedürfnisse existieren, aber nur als Mittel
und nicht als Zweck. Als Mittel der Kapitalistinnen
nämlich, um mit den Bedürfnissen einen Profit zu er¬
wirtschaften. Die Bedürfnisse sind nicht der Grund für
die Produktion, sonst würden sie befriedigt werden.
Da der Profit eine Geldmenge ist, die größer als
die vorgeschossene ist, folgt daraus auch, dass nur
die kaufkräftigen, also die mit Geld ausgestatteten,
Bedürfnisse interessant sind: Die Bettlerin ohne Kohle
muss selber schauen wo sie ihre Nahrung herkriegt,
der Supermarkt bedient sie nicht.
erlaubt mehr Nahrung zu produzieren. Dabei kommen
dann mit allerlei Giften verseuchte Nahrungsmittel
raus. Premiumprodukte hingegen sind solche Produkte,
bei denen Unternehmen versprechen auf Praktiken zu
verzichten, welche die Qualität der Nahrung ver¬
schlechtern. Dieses Versprechen lassen sie sich aber
nur für teures Geld (siehe den Preis für bio, FairTra-
de und Premiumprodukte) abkaufen. Dass dieses
Versprechen oft genug nicht eingehalten wird, sollte
#sA LIEBER ZU
KJ Konsum,
Auch an “erfundenen” Bedürfnissen kann einiges
gezeigt werden: Vor Nespresso hatte kein Mensch
das Bedürfnis, Kaffee aus kleinen Aluminiumkapseln
zu trinken. Wenn man Bedürfnisse möglichst effizient
befriedigen will, wäre es ein Unding neue zu schaf¬
fen. Braucht man sie aber als Mittel für Profit, kann es
nicht genug davon geben. Natürlich nur solange die
Bedürfnisse kaufkräftig sind und auf Produkte zielen,
die man selbst herstellt. Zur Klarstellung: Uns geht es
um die Motivation der Unternehmen, neue Bedürfnisse
zu erschaffen, um sie als Mittel für Profit einsetzen
zu können — gegen Spielen mit Smartphones und das
Trinken von Kaffe aus Kapseln ist nichts einzuwenden.
Auch haben wir nichts gegen technischen Fortschritt,
wir lehnen nur den Zweck ab zu dem dieser stattfin¬
det.
Es gibt aber noch mehr Phänomene, die zeigen,
dass nicht für die Bedürfnisse, sondern für den Pro¬
fit produziert wird: Geplante Obsoleszenz 5 oder
Premium-Marken wären solche. Dinge die nach einer
eingeplanten Lebenszeit ihren Geist aufgeben wären
vom Bedürfnisstandpunkt komplett widersinnig: Muss
man sie doch nochmal produzieren, um das gleiche
Bedürfnis zu stillen. Für den Zweck des Profits geben
sie allerdings einiges her, doppelt verkauft heißt auch
doppelt Geld eingestrichen.
Das gleiche gilt für Premiumnahrungsmittel. Denkt man
an Käse, will man zuerst mal, dass der schmeckt und
nahrhaft ist. An Premium denkt man bei so etwas nicht.
An Premium denkt die Kundin nur, weil ihr bewusst ist,
dass es auch minderwertige Nahrung gibt. Premium
ergibt nur dann Sinn, wenn man sich vor Augen führt,
dass Nahrungsmittel ja auch Geld abwerfen müs¬
sen für das Unternehmen, das sie produzieren lässt.
Deswegen müssen die Produktionskosten möglichst
gering sein. Es werden also beispielsweise viel Dünger,
Pestizide und Herbizide verwendet, welche für
gleiches oder weniger Geld dem Unternehmen 4
offensichtlich sein, wenn man sich den Grund dafür
klar macht, warum es überhaupt nötig ist. Das Unter¬
nehmen will mit möglichst wenig finanziellen Aufwand
einen möglichst hohen Profit einfahren.
Konsumentinnen und Unternehmen: Eine wunder¬
bare Freundschaft?
Die vorigen Absätze haben versucht zu zeigen, was
mit der Behauptung der Konsumentinnenmacht in all
ihren Ausprägungen falsch ist. Gleichzeitig konnten wir
aber auch etwas über die Beziehung von Unternehmen
und Konsumentinnen lernen: Sie sind Interessensgegne¬
rinnen.
Konsumentinnen haben beim Konsum ein Interesse an
einem geringen Preis, da klar ist: Je billiger sie an die
gewünschten Güter rankommen, desto mehr eige¬
ne Bedürfnisse können sie befriedigen. Gleichzeitig
haben sie aber auch ein Interesse an hoher Qualität,
da sie ihre Dinge möglichst lange benutzen wollen und
sich einen hohen Gebrauchswert erhoffen.
Bei den Unternehmen sieht das etwas anders aus: Sie
haben am Konsum genau ein Interesse und das ist der
Profit. Um dieses Interesse zu bedienen sind erstens ein
hoher Preis und zweitens geringe Herstellungskosten
von Vorteil (was sich oft in einer geringen Qualität der
verkauften Dinge niederschlägt).
Mit solchen sich ausschließenden Interessen (eine
Ware kann nicht gleichzeitig teuer und billig sein)
müssen diese beiden Gruppen notwendigerweise in
Konflikt geraten. Solch ein Konflikt sollte sich also auch
zeigen, wenn wir uns die Welt des Konsums ansehen.
Und siehe da, es wimmelt nur so von Erscheinungen
dieses Konflikts. Es gibt Ministerien für Verbraucher¬
schutz, die nur dafür eingerichtet sind, die Konsu¬
mentinnen zu beschützen: Vor gesundheitsschädlichen
Produkten, vor Produkten die gar nicht das können
was beworben wird, usw. usf..
Kundin nicht Königin — Kundin als Mittel zum Zweck!
Nichts also mit Kundin ist Königin. Die Kundin kommt in
der kapitalistischen Wirtschaftsweise, wie die Arbei¬
terin, nur insoweit vor, als sie ein Interesse befriedigt,
dass dem ihren direkt widerspricht: Dem Interesse der
Unternehmen an Profit. Das denken wir klargemacht
zu haben. Seid ihr noch nicht überzeugt, schreibt uns.
Fazit
Zum Schluss noch ein Sprung an den Anfang: In der
Einleitung haben wir versprochen, die wirklichen Grün¬
de für all die Übel zu nennen, welche manchen Men¬
schen so sauer aufstoßen, dass sie darüber zu Konsum¬
kritikerinnen werden. Diese Gründe liegen in den zwei
Widersprüchen, die wir herausgearbeitet haben:
Da Unternehmen Interesse an einem hohen Profit
haben, ergibt sich daraus für die Menschen die in
diesen arbeiten, ein möglichst geringer Lohn. Weiters
sind ihre Arbeitsplätze so eingerichtet, dass sie für
Stimmung, Gesundheit und oft das Leben eine Gefahr
darstellen.
Da Unternehmen Interesse an einem hohen Profit
haben, ergibt sich daraus für die Umwelt, die als
Grundlage und Stoff der Produktion dient, die Zerstö¬
rung: Böden und Gewässer werden verseucht, weil die
Entsorgung in ihnen billiger ist als eine umweltfreund¬
lichere. Tiere werden möglichst billig, also grausam
gehalten.
Diese Übel werden jedoch nicht durch Kritik an der
Art und Weise wie Menschen konsumieren aus der
Welt geschafft. Das Appellieren an ethischen Konsum
verändert nichts an den herrschenden Verhältnissen.
Auch unsere vorgetragene Kritik am Konsum im Kapi¬
talismus, schafft dessen Übel nicht ab. Nimmt man sie
jedoch ernst und zieht aus ihr die praktischen Konse¬
quenzen, ergibt sich ein ganz anderes Programm als
Reformen, die den Kapitalismus auch nicht sympa¬
thischer und menschenfreundlicher machen: Notwendig
ist das Abschaffen einer Wirtschaftsweise, die sich um
Geldvermehrung dreht und das Schaffen einer, in der
es um die Bedürfnisbefriedigung der Menschen geht.
Falls bei euch ein schlechtes Gefühl im Magen übrig¬
bleibt, weil:
ihr doch ein paar gute Argumente für ethischen Kon¬
sum kennt,
ihr eine Spielart von ethischem Konsum kennt die ihr
gut findet und die bei uns nicht vorkommt,
ihr sonst irgendwas kennt das für die Thematik wichtig
ist aber hier nicht zu finden ist,
dann meldet euch. Für Diskussionen zu diesem Thema
sind wir immer bereit, und von richtigen Argumenten
lassen wir uns immer gerne überzeugen.
Bassisgruppe Gesellschaftskritik Salzburg [geskrit]
geskrit.wordpress.com
44
Fussnoten:
1 Auch wenn in dieser Gesellschaft Formen des Konsums
ohne Tausch von Ware gegen Geld existieren, so zeigen diese
Ausnahmen gerade den Charakter, den der Konsum in dieser
Gesellschaft annimmt. Das Dumpstern von Nahrungsmitteln ist
entweder rechtlicher Graubereich oder gleich ganz verboten,
von Diebstahl ganz zu schweigen.
2 Häufiger Einwand: Stimmt doch gar nicht dass Arbeiterinnen
ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Die können genausogut
von Arbeitslosenhilfe oder Mindestsicherung leben.
Was daran falsch ist: Nur bedingt, denn es hat seinen Grund
warum die meisten Menschen einen Arbeitsplatz viel lieber
haben, als diverse sozialstaatliche Maßnahmen: Der Staat weiß,
dass Arbeitsplätze so unangenehm sind, dass viele Arbeite¬
rinnen lieber darauf verzichten würden. Deswegen berechnet
er erstens die Höhe der Beträge, die er an die Arbeitslosen aus¬
zahlt ziemlich knapp. Die Mindestsicherung beträgt z.B. 814
Euro und ist damit unter der Armutsgrenze. Zweitens schika¬
niert er die Empfängerinnen, die er als arbeitsfähig einstuft mit
lauter Zwangsmaßnahmen, wie z.B. Besuche beimAMS/Job-
center, Bewerbungen schreiben für jeden Scheißjob, Qualifika¬
tionskurse ohne Inhalt etc..
Häufiger Einwand: Na gut, Arbeitslosenhilfe ist wirklich nicht
das wahre, aber die Leute haben doch heute viel mehr Möglich¬
keiten als einfach für Lohn zu arbeiten! Sie können sich z.B.
Selbstständig machen, und sich so von den ganzen Notwendig¬
keiten die ihr aufführt befreien.
Was daran falsch ist: Bei der Selbständigkeit sind zwei Fälle zu
unterscheiden. Zuerst einmal die Arbeiter, die von ihrer Firma
gefeuert werden und zukünftig als Subunternehmer (IchAG)
Aufträge von ihr bekommen. Dies wird von Firmen getan,
um Steuern und Abgaben zu sparen, und ändert außer einer
vermehrten Ausbeutungsrate für die Arbeiter gar nichts. Dass
diese Art der Selbstständigkeit auch vom Staat nicht gewünscht
ist, merkt man an dem dauernd von Politikern gefordertem
Vorgehen gegen Scheinselbstständigkeit.
Der andere Fall, der wohl eher gemeint ist, sind Leute die sich
tatsächlich etwas Kapital besorgen (per Bankkredit) und damit
ein kleines Unternehmen starten, meistens solche Sachen wie
ein Dönerstand, ein Friseurladen o.ä. Diese Leute arbeiten
tatsächlich nicht mehr für den Gewinn eines anderen, son¬
dern nur für sich selbst. Nur haben auch die ein Problem: Ihr
Kapital ist meist nicht groß genug, um mehr als ein-zwei Leute
anzustellen. Deswegen müssen sie auch selbst mitarbeiten um
überhaupt über die Runden zu kommen. Ihr Mittel, um an Geld
zu kommen, ist also auch hier nicht die Arbeit fremder Leute
- während sie die paar Angestellten die sie haben natürlich
auch ausbeuten reicht das alleine nicht um sich eine Existenz
zu ermöglichen. Das merkt man daran, dass solche kleinen
Meister, wie Marx sie nennt, meistens eine ziemlich lange
Arbeitszeit haben (Arbeitswochen von bis zu 60 Wochen), und
trotzdem finanziell meistens ziemlich schlecht dastehen.
Auch diese Selbstständigen sind den Notwendigkeiten, die ein
Leben ohne nennenswertes Kapital mit sich bringt, also nicht
entkommen, sondern gehen anders mit ihnen um.
3 Der Begriff Arbeiterin wird auch oft in einem anderen
Sinn verwendet. Er bezeichnet dann Arbeiterinnen, die in der
Industrie tätig sind, in Abgrenzung zu Arbeiterinnen in Büros,
die dann Angestellte genannt werden. Wir meinen hier unserer
Definition nach alle Menschen, welche für ihren Lebenserhalt
auf Lohnarbeit angewiesen sind, also Lohnabhängige.
4 Häufiger Einwand: Für große Firmen stimmt das schon, dass
die nur auf den Profit aus sind - kleinere Firmen wollen aber
doch einfach nur was Nützliches herstellen, und müssen dafür
halt Gewinn machen. Ihr einziges Ziel ist der Profit sicher
nicht.
Was daran falsch ist: Das Verhalten von kleineren Firmen wirkt
oft so, als würden sie tatsächlich nicht all die Profitberech¬
nungen anstellen, die man kennt. Sie wandern relativ selten in
Niedriglohnländer ab, schütten selten Dividenden an Aktionäre
ab (da sie meistens keine Aktiengesellschaften sind) etc. etc.
All dies ist jedoch nur eine andere Konkurrenzstrategie: Mit
wenig Kapital kann man nicht so leicht seinen Standort verle¬
gen, und Aktien emittiert man dann wenn man ein größeres Ka-
pital anschaffen will. Diese kleinen Firmen sind dann meistens
in Nischen tätig, in denen sie mit ihrer vergleichsweise gerin¬
gen Konkurrenzleistung noch durchkommen. Sobald in eine
dieser Nischen jedoch größere Unternehmen einsteigen, gehen
sie auch regelmäßig pleite: So wie die Greißler, die die Waffen
vor den Supermarktketten strecken mussten. Der Zweck der
Firmen ist also gar nicht anders, ob groß oder klein. Nur die
Konkurrenzstrategie um diesen Zweck zu erreichen, nämlich
Profit, kann variieren.
5 Geplante Obsoleszenz bezeichnet die absichtliche Verrin¬
gerung der Lebensdauer von Produkten, die deren Produzen-
tinnen einsetzen um dafür zu sorgen öfter bzw. mehr davon zu
Weg mir dem
Hallo,
wir möchten euch auf die neue Kampagne zur Aufhe¬
bung des PKK-Verbots aufmerksam machen.
Immer mehr Initiativen, Organisationen, Mitglieder von
Parteien oder Einzelpersonen wenden sich gegen das
im November 1 993 vom damaligen Bundesinnenmini¬
ster Manfred Kanther (CDU) erlassende und bis heute
bestehende PKK-Betätigungsverbot. Trotz anhaltender
Provokation durch Polizeikräfte bei Demonstrationen
und eingeleiteter Ermittlungsverfahren wegen des
Rufens von Parolen oder Zeigen von Plakaten mit dem
Bild von Abdullah Öcalan, treten Menschen mit kre¬
ativen und entschlossenen Aktivitäten für die Aufhe¬
bung des Verbots ein. Im wahrsten Sinne des Wortes
wird Gesicht gezeigt gegen die Kriminalisierung von
Kurdinnen und Kurden und für eine Bewegung, die mit
ihrer Gesellschaft eng verwurzelt ist. Wenn auch die
Versuche der bundesdeutschen Repressionsorgane
nicht gelungen sind, die kurdische Community von ihrer
Freiheitsbewegung und ihrem Repräsentanten Abdul¬
lah Öcalan abzuspalten, so ist dennoch die Forderung
nach Aufhebung der Verbote notwendig.
Ende 201 2 begann ein Friedensprozess der PKK, ihres
Repräsentanten Abdullah Öcalan, Vertreterinnen
der HDP mit Vertretern der damaligen Regierung von
Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der Ende
Juli 2015 von ihm einseitig beendet wurde. Stattdes-
sen ist er im Zuge der Neuwahlen am 1. November zur
Strategie des Staatsterrors gegen Kurdinnen und alle
oppositionellen, insbesondere demokratischen und
linken Kräfte übergegangen, um bei den Wahlen im
Juni verlorengegangene absolute Mehrheit der AKP
wider herzustellen.
Statt das kriegstreiberische Vorgehen des türkischen
Staatspräsidenten und der AKP scharf zu verurteilen,
reiste Bundeskanzlerin Angela Merkel zwei Wochen
vor dem Wahltermin in die Türkei, um mit Erdogan
über die Eindämmung der Flüchtlingszahlen nach
Europa zu verhandeln. Kaum war sie zurückgekehrt,
wurden am 21. Oktober in Dresden die Räume des
kurdischen Vereins und mehrere Privatwohnungen
durchsucht und ein politischer Aktivist verhaftet. Er
wird von den Strafverfolgungsbehörden der
Mitgliedschaft in einer >>terroristischen Vereinigung
im Ausland<< (§129b StGB) beschuldigt. _ _
verkaufen. Ein mögliches Beispiel wäre die Verwendung von
gleich teuren, aber kurzlebigeren Materialien, von denen man
weiß, dass sie kurz nach der Garantielaufzeit den Geist aufge¬
ben. Nachgewiesen konnte bisher die Absicht nicht, auch wenn
es ähnliche Dinge auf jeden Fall gibt: Wenn beispielsweise
Druckerpatronen eine Chip eingesetzt bekommen, damit man
sie nicht wiederverwerten kann. Aber schon alleine der Fakt,
dass man sich eine derartige Praxis durchaus vorstellen kann
zeigt auf, worum es bei der Produktion von Gebrauchsgütern
wirklich geht, nämlich um ihren Gebrauch zur Profitgene¬
rierung von Unternehmen, und nicht um den Nutzen den die
Kundin daraus zieht.
PKK-Verbot
Die deutsche Politik wird im Verhältnis zur Türkei von
geostrategischen, ökonomischen und militärischen Inte¬
ressen geleitet. Mit der Aufrechterhaltung der Krimi¬
nalisierung der kurdischen Bewegung und ihren
Aktivistinnen — unabhängig von politischen Verände¬
rungen — wird das türkische Regime in seinem Vorge¬
hen bestärkt und bestätigt.
Dieser Kreislauf muss endlich durchbrochen werden.
Es ist nicht länger hinnehmbar, dass Kurdinnen und
Kurden für ihre Frieden stiftende Arbeit mit dem
Terrorparagrafen 129b StGB überzogen und einge¬
sperrt werden. Die kurdische Gesellschaft muss auch
hier unterstützt werden, ihre Kraft für Demokratie und
Fortentwicklung effektiv zu entwickeln, statt der
Unterstützung des Terrorismus bezichtigt oder mit
Ausweisung bedroht zu werden. Die Diffamierung der
PKK als terroristisch muss beendet werden.
Schließlich wird sie dazu benutzt, auch hier erkämpfte
demokratische Grundrechte wie Meinungs-, Presse-,
Organisations- und Versammlungsfreiheit weiter einzu¬
schränken.
Allerdings genügt es nicht nur in Deutschland das PKK-
Verbot aufzuheben, denn auch in anderen Ländern
wird gegen Mitglieder und Repräsentantinnen der
kurdischen Bewegung, gegen kurdische Institutionen
oder Medien vorgegangen. Deshalb ist die Streichung
der PKK von der EU-Terrorliste unerlässlich.
Mit dieser Initiative wollen wir unsere Forderungen in
die Öffentlichkeit tragen und einen Platz bieten, bis¬
herigen Aktivitäten gegen das Verbot zusammenzufüh¬
ren. Sie soll offen sein für alle, die für Recht auf freie
Meinungsäußerung und Organisationsfreiheit, für eine
Aufhebung des PKK-Verbots, die Streichung der PKK
von der EU-Terrorliste und für die Freilassung der
politischen kurdischen Gefangenen in Deutschland
und Abdullah Öcalan in der Türkei ihr Gesicht zeigen
wollen.
Wir würden uns freuen, wenn ihr euch der Kampagne
anschließt, sie bewerbt oder verbreitet.
Bei weiteren Fragen wendet euch gerne an:
pkknaklar@riseup.net
pkk-verbot-aufheben.blackblogs.org
Hoch die internationale Solidarität!
Aufruf zu internationaler Solidarität -
Beeendet die Belagerung von Silvan
Die türkische Regierung hat den Friedensprozess auf¬
gegeben. Im Laufe dieses fast zwei Jahre währenden
Prozessesstarb fast niemand in Gefechten mit den
Sicherheitskräften. Nach den Kampagnen für die
Parlamentswahlen im Juni, die durch 170 gewaltsame
Angriffe auf HDP-Wahlbüros und Bombenanschlä¬
ge auf HDP-Büros in Mersin und Adana überschattet
wurden, wurden bei einer Kundgebung der HDP in
Diyarbakir 4 Menschen getötet und viele verwundet.
Als die AKP bei
den Wahlen
keine Mehrheit
bekam, stieg die
Gewalt massiv
an. In Surug wur¬
den 33 junge
Menschen auf
einer humani¬
tären Mission
nach Kobane
durch eine Bombe getötet. In Folge erklärten einige
Gemeinden in kurdischen Gebieten als Reaktion auf
die steigende Anzahl der Todesopfer ihre „Autono¬
mie“, um ihre Bewohner zu schützen. Die Antwort der
türkischen Regierung war eine Reihe von Angriffen der
Sicherheitskräfte auf diese Gebiete. Ganztägige
Ausgangssperren wurden ausgerufen, Soldaten und
Spezialkräfte der Polizei attackierten ganze Viertel.
Scharfschützen, die auf
alles schießen, das sich
auf der Straße blicken
lässt, wurden auf Dächern
postiert. Viele Zivilisten,
einschließlich Frauen, Kin¬
dern und alte Menschen,
wurden getötet.
Die jüngsten Attacken
finden nun in Silvan statt
Seit dem 2. November sind die Viertel Tekel, Mescit
und Konak der Stadt Silvan in der Provinz Diyarbakir
im Südosten der Türkei durch die türkischen Polizeis¬
pezialkräfte und die türkische Armee besetzt. Es gibt
eine 24-stündige Ausgangssperre. Zivilisten können
ihre Häuser nicht verlassen. Nicht um grundlegende
Bedürfnisse zu stillen und nicht einmal, um die Verwun¬
deten zu versorgen oder die Toten zu begraben.
Menschen verstecken sich in Kellern, während gepan¬
zerte Fahrzeuge durch die Straßen fahren und Ge¬
bäude mit Schüssen aus Maschinengewehren
eindecken. Panzer wurden auf umliegenden Erhö¬
hungen aufgestellt und beschießen die Wohnviertel.
Auch bewaffnete Helikopter wurden im Gebiet
eingesetzt. Es ist nicht möglich, die Anzahl der
Toten und Verletzten genau festzustellen, doch es
werden darunter auch Frauen, Kinder und alte Men¬
schen vermutet.
Ziya Pir, ein Abgeordneter der Demokratischen
Partei der Völker (HDP) aus dieser Region, berichtet,
dass er bei einem Beamten des Innenministeriums zu
intervenieren versuchte. Darauf wurde ihm entgegnet:
„Wir werden diese drei Viertel von der Landkarte
auslöschen.“
Weiterhin berichtet er:
„Sie schießen wahllos auf alle Seiten. Soldaten, Poli¬
zisten und komplett nicht registrierte Personen,
welche ich nur als „Kopfjäger“ bezeichnen kann, be¬
schießen Gebäude von oben bis unten mit Maschinen¬
gewehrfeuer. Panzer wurden mit Sicht auf die Viertel
ausgerichtet. Wir können die Viertel nicht betreten.“
„Nach Informationen, die wir von dort erhalten haben,
verstecken sich Leute in Gruppen von 10-15 Personen
in Kellern. Niemand kann rausgehen, da Scharfschüt¬
zen auf den Dächern positioniert sind. Wenn sie nur
einen Schatten in einem Haus oder ein Lebenszeichen
sehen, eröffnen sie das Feuer. Bei früheren Operati¬
onen gab es ab und zu eine Pause von ein oder zwei
Stunden. Jetzt wird pausenlos, rund um die Uhr
geschossen.“
Am 15. und 16. November richtet die türkische Regie¬
rung die G20 Konferenz in Aantalya aus. Während¬
dessen beteiligt sich dieselbe Regierung
am wahllosen Gemetzel ihrer eigenen
Bevölkerung. Diese Attacken geschahen
während der Wahlkampagnen für die
zurückliegenden Wahlen und werden
auch nach diesen fortgeführt. Alle Ziele
liegen in Gebieten mit hohen
Stimmenanteilen für die HDP.
Das G20-Treffen ist ein Prestigefaktor
für die türkische Regierung und leider un¬
terlassen die europäischen Regierungen
die Kritik an Menschenrechtsverletzungen
in der Türkei in der Hoffnung, dass die türkische Re¬
gierung den Flüchtlingsstrom nach Europa einschränkt.
Ihr Einspruch kann etwas bewirken. Bitte tun Sie Ihre
Sorge um die letzten Entwicklungen in der Türkei kund.
Um Leben zu retten, ist es notwendig, dass die Sicher¬
heitskräfte ihre Operationen gegen die Zivilbevölke¬
rung einstellen und dass Parlamentsabgeordnete und
unabhängige internationale Beobachter Zugang zu
diesen Gebieten bekommen.
[Anm. der Red.: Wir kennen die aktuelle Lage in Silvan
nicht. Erkundigt euch!]
ANF - Firatnews - firatnews.com
» ISKU - Informationsstelle Kurdistan:
® nadir.org / nadirj inititaiv / isku /
„Mach doch mal was kaputt!“ oder so
ähnlich - Das wird man ja wohl nochmal
sagen dürfen!
Ich wurde am
30.05.2015 in einer
Seitenstraße der Limmer-
str. in Hannover Linden
festgenommen.
Zuvor hatte eine
Demonstration, gegen
hohe Mieten und Ver¬
drängung und für ein au¬
tonomes Stadtteilzentrum
in Linden, stattgefunden.
Die Bullen warfen mir
vor, im Rahmen dieser
Demonstration vom Laut¬
sprecherwagen aus, zu
Straftaten aufgefordert
und die Einsatzkräf¬
te beleidigt zu haben.
Nachdem sie mich in
ihren Wagen verschleppt
und abgefilmt und sich
erfreulich viele Unterstüt¬
zerinnen um den Wa¬
gen versammelt hatten,
ließen sie mich wieder
laufen.
Mittlerweile haben sie
den Vorwurf, ich hätte
die eingesetzten Damen
und Herren von der Poli¬
zei als „Bullenschweine“
beleidigt, vorerst einge¬
stellt. Denn der angebliche Aufruf zu Straftaten wiegt
schwerer und soll im Januar 201 6 verhandelt werden.
Die Staatsanwaltschaft hat neun Bullen sowie zwei
Genossen als Zeugen laden lassen, um zu klären wer
was vom Lautsprecherwagen gesagt hat.
Was wurde bloß
genau gesagt und in
welchem Kontext, in
welchem Kontext kann
welche Formulierung
verwendet werden und
was habe ich damit zu
tun? Das würde das
Gericht wohl gerne
wissen. Ich werde dazu
nichts beitragen. Aber
ich würde mich freuen
wenn ihr zum Prozess
kommt, damit ich und
die Genossen, die als
Zeugen geladen wur¬
den, nicht so alleine
sind.
Denn ich werde dort einmal mein Maul halten,
aber wir alle werden es uns nie verbieten lassen.
Mo. 25.01.2016, 9 Uhr
Amtsgericht Hannover, Altbau, Saal 2292
Die Beamtinnen
gaben zu Protokoll sie
hätten einen Aufruf
gehört und zwar in
etwa: „Macht was
kaputt!“, „Mach doch
mal was kaputt oder
wenigstens dreckig!“
oder vielleicht auch
„Macht mal Dreck
oder was kaputt“.
Weder ich noch die
Genossen gaben
etwas zu Protokoll.
anonym
47
0jB<Ü3i&
BilQ^ingesUmgB^lgtyi^inipffäkäitBahglaaesh) jTittU^ifeajaflo^
Schicki
d i gitaleV/ariaihteföd e n
Blättcnen)]
Interim!
Die globale Textilwirtschaft lebt von Unterdrückung und ausbeuterischen Produktionsbedingungen. Seit Jahren
kämpfen Arbeiterinnen vor Ort für ihre Rechte. Wir denken, es wird auch vom Druck abhängen, den wir hier
ausüben, ob ihre Kämpfe erfolgreich sein werden. Kik ist eines der Unternehmen, die mit Armut Profit machen.
Unsere Kämpfe müssen so global sein wie das Kapital. Aufklärung, Sabotage und Imagebeschädigung können
helfen. Verbesserungen zu erkämpfen. Kapitalismus ist Krieg! Kapitalismus tötet!
Autonome Gruppen
mmm
KAPITALISMUS IST KRIEG!